Kultur

Die stärksten Krimis in der Luft, zu Wasser, im Wald

Im Jahr 2000 platzierte Boris Meyn mit dem historischen Hamburg-Roman „Der Tote im Fleet“ sein Krimidebüt. Jüngst ist nun der achte Band in der Reihe um die Hamburger Familie Bischop erschienen – von 1857 spannt sich der Bogen der Romane bis ins Jahr 1925: Und mit „Fememord“ (rororo, 240 S., 9,99 Euro) hat Meyn, promovierter Kunst- und Bauhistoriker, seine seit Langem stärkste Story abgeliefert. Die in Berlin lebende Journalistin Ilka Bischop, durch eine Erbschaft finanziell unabhängig, schlittert eher zufällig in einen heiklen Fall: In der Sowjetunion sollen deutsche Militärflieger in einer speziellen Mission ausgebildet werden. Was nach den Vorgaben des Versailler Vertrages natürlich nicht ­gestattet ist. Als dort ein mit Ilka befreundeter Pilot zu Tode kommt, reist sie nach Hamburg, um dem Freund des Toten einen Brief auszuhändigen, den sie kurz zuvor aus der Sowjetunion erhalten hat. Der Freund jedoch, ein Architekt, ist ebenfalls tot. Boris Meyns „Fememord“ ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte, das Atmosphäre und Milieus der damaligen Zeit in einer geglückten Fusion aus Fakten und Fiktion dramaturgisch gekonnt einzufangen weiß.


Vom Hamburg der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts geht es nach Helgoland, wo Tim Erzberg auch seinen zweiten Kriminalroman „Sturmfeuer“ (HarperCollins, 384 S.,
15 Euro) angesiedelt hat. Während einer Jugendregatta vor der Nordseeinsel verschwindet ein Junge, zehn Jahre ist er alt. Niemand kann sich erklären, wie das passieren konnte. Von dem Jungen fehlt jede Spur, die Eltern sind verzweifelt, die Polizei ist ratlos. Nur wenig später stirbt ein weiterer Mensch, der Vater des Jungen hat sich offenbar von den Klippen ins Meer gestürzt. Oder ist er gestoßen worden? Zwei Tote in kurzer Zeit, und das auf dieser friedlichen, kleinen Insel? Die Polizistin Anna Krüger, auf Helgoland aufgewachsen und erst vor Kurzem in ihre Heimat zurückgekehrt, glaubt nicht an Zufälle. Ihre Spurensuche führt sie schließlich weit zurück in das Jahr 1945, als alliierte Bomber die Insel in Schutt und Asche legten. Man erfährt viel über Helgoland in Tim Erzbergs gut geschriebenem Kriminalroman, wobei das Atmosphärische die Spannung ein wenig überlagert. Aber den Hamburger Journalisten, der auf der Insel recherchiert, ausgerechnet Ulrich Weikert zu nennen, da hätte dann doch das Lektorat einschreiten dürfen …


Der Wald ist in der deutschsprachigen Literatur ein recht populäres Thema, sei es im Sachbuch oder in der Belletristik. Diesem Sujet widmet sich auch die junge Wiener Autorin ­Michaela Kastel in ihrem Thrillerdebüt „So dunkel der Wald“ (Emons, 303 S., 18 Euro). In klarer Prosa erzählt sie die Geschichte zweier junger Menschen, Ronja und Jannik, die als Kinder verschleppt wurden, in einer unterirdischen Höhle leben mussten und mittlerweile mit ihrem Entführer in einer Hütte wohnen. Einem Mann, der von seiner grausamen Passion nicht lassen kann. Es ist eine Art von Stockholm-Syndrom, mit dem Ronja und Jannik mit dem Mann verbunden sind. Als sich die Chance zur Flucht bietet, verkehren sich auf das Fatalste die Rollen. Michaela Kastel hat ein lesenswertes ­Debüt geschrieben, nahezu kaltherzig spielt sie mit dem Grauen. Nur ganz selten ist das alles ein wenig zu viel gewollt.

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