Hamburg

T.C. Boyle lässt die Killerkatzen raus – und 1300 Ratten

Ein neuer Erzählungsband des Starautors erscheint auf Deutsch. Hauptthema: das gestörte Verhältnis von Mensch und Tier

Hamburg. Gerard Loomis ist einsam. Nach dem Tod seiner Frau hat er nur noch wenig soziale Kontakte, sein Haus und auch er selbst verwahrlosen zusehends. Freunde raten ihm, sich ein Haustier anzuschaffen, doch gegen Hunde und Katzen ist Loomis allergisch. Dann schafft er sich wirklich ein Tier an, eine junge Python, die bis zu acht Meter lang werden kann. Gefüttert wird sie mit lebenden Ratten. Bei einem winterlichen Stromausfall stirbt die Schlange, und Loomis macht aus dem Terrarium ein Rattennest.

Was als Beschreibung eines etwas merkwürdigen Mannes beginnt, verwandelt sich bei T.C. Boyle in eine Horrorgeschichte. „1300 Ratten“ heißt sie. In lediglich zwei Absätzen beschreibt er gegen Ende der Erzählung ein Szenario, das man nur mit großem Ekel lesen kann. Dieser Teil ist eine bizarre Metapher für das gestörte Verhältnis von Mensch und Tier.

Tiere spielen in vielen der 20 Erzählungen eine wichtige Rolle, die Boyle zwischen 2003 und 2011 geschrieben hat und die jetzt unter dem Titel „Good Home“ auf Deutsch erschienen sind. In der Titelstory geht es um einen Hundetrainer, der sich Ködertiere besorgt, um damit seine Pit Bulls aggressiv für Hundekämpfe zu machen. Die Begegnung mit einem entlaufenen Tiger, eine Unterschriftensammlung gegen „Killer“-Katzen, eine Klapperschlange in einer Jurte und ein für 250.000 Dollar geklonter Windhund sind andere Beispiele für die extreme Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Die Figuren in Boyles Geschichten sind meistens leicht neben der Spur. Sie trinken zu viel, sie haben gescheiterte Ehen hinter sich, sind Eigenbrötler und überspannt. Sie sehnen sich nach Liebe und Nähe, doch allzu viel Glück bei ihren Begegnungen haben sie nicht. Wie etwa Cal in „Hieb- und stichfest“, der bei einer Versammlung eine attraktive Frau kennenlernt, aber feststellen muss, dass sie und ihre Tochter der alttestamentarischen Schöpfungslehre anhängen.

Oder wie die in einem Trailerpark lebende Anita, die sich zu einem attraktiven Nachbarn hingezogen fühlt, der bedauerlicherweise einen ziemlich ausgeprägten Tötungsdrang gegenüber Katzen hat.

Die meisten von Boyles Geschichten spielen in der amerikanischen Provinz, die bei ihm als Gegenteil einer heilen Welt erscheint. Seine Figuren haben kein einfaches Leben, doch er beschreibt sie trotz ihrer Fehler und Macken mit großer Freundlichkeit. Es sind sympathische Verlierer, die versuchen, sich durchzuwursteln.

Die positivste Story aus „Good Home“ spielt nicht in den USA, sondern in der Ukraine an einem Ort, der als ex­trem lebensfeindlich gilt. Die Erzählung „In der Zone“ beschreibt, wie ein alter Mann und eine alte Frau in ihre Häuser in unmittelbarer Nähe des zerstörten Reaktors von Tschernobyl zurückkehren. Angst vor Verstrahlung haben sie nicht. Die Abgeschiedenheit des Ortes und die Abwesenheit anderer Menschen haben etwas Paradiesisches. Die Todeszone wird zum Idyll.