Hamburg

Herzschmerz auf der Insel

In „Ausgerechnet Sylt“ kämpft eine Rettungsschwimmerin gegen raffsüchtige Investoren

Hamburg. Eine unruhige See, düstere Wolken, heruntergekommene Häuschen mit Reetdach: So richtig nach Urlaub fühlt es sich auf Sylt dieser Tage nicht an. Doch Gott sei Dank plant Kevin Kramer (Fabian Busch) mit seiner Tochter Lily (Paula Hartmann) auch nur Alibi-Ferien auf der Insel. Denn eigentlich hat ihn seine Investmentfirma in den hohen Norden geschickt, um vor Ort ein zweifelhaftes Bauprojekt voranzutreiben. Blöd nur, dass er es dabei ausgerechnet mit seiner ehemaligen Jugendliebe Bente (Katja Studt) zu tun bekommt.

Doch Kevin Kramer ist in Susanna Salonens Komödie „Ausgerechnet Sylt“ nicht der Einzige, der so seine Schwierigkeiten hat. Trotz rauer Meerblick-Kulisse kämpft sich auch der Film selbst mehr schlecht als recht voran. Die Gründe reichen von der verflossenen Jugendliebe über das raffsüchtige Bauprojekt im Naturschutzgebiet bis hin zur herzzerreißenden Rückkehr in die verlorene Heimat.

„Ausgerechnet Sylt“ ist leider randvoll von lauwarmen Herzschmerz-Klischees, die bei genauerem Hingucken genauso austauschbar wie öde sind.

Nehmen wir zum Beispiel den Grundkonflikt: Auf der einen Seite steht die prinzipientreue Rettungsschwimmerin Bente Groot, die mit Spraydosen und Plakaten gegen die geplante Großinvestition mobil macht und sich verbissen weigert, trotz Geldnot und Sanierungsrückstand ihr Elternhaus zu verkaufen und so den Weg für das Bauprojekt zu ebnen. Auf der anderen Seite manövriert sich Kevin Kramer, eigentlich ja ein Guter, aber eben mit dem falschen Job, als Vertreter der Investmentfirma durch die Sylter Protestriege. Bei den Anstrengungen, Bente dazu zu bewegen, ihr Haus doch noch zu verkaufen, verliebt er sich in sie und steht anschließend vor dem vielleicht ältesten Dilemma der Filmgeschichte: Geld oder Liebe.

Wie gesagt, besonders überraschend ist das nicht. Aber man soll ja nicht gleich ausschließen, dass Altbekanntes auch mal mit ganz neuem Potenzial daherkommen kann – wenn man es denn gut macht. Doch genau dabei verschenkt Salonen leider sämtliche Möglichkeiten: Nicht nur fährt sie die Komödie so ereignislos von A nach B, dass es für den Zuschauer auch bei genauem Hinsehen kaum Überraschungen gibt.

Auch ihre männliche Hauptfigur gerät ihr gewaltig aus dem Ruder – und das tut der Glaubwürdigkeit der Geschichte nicht gut. Während Kevin zu Beginn nämlich noch ein waschechter Finanzhai ist, muss er gegen Ende zusehen, wie das Drehbuch ihn plötzlich allzu übertrieben durchdrehen lässt: Bei einem denkwürdigen Auftritt schlonzt er während eines Geschäftstermins zum Beispiel vor den potenziellen Firmenkunden lieber im Schokobrunnen herum, als ernsthaft am Gespräch teilzunehmen.

Dass die Komödie trotzdem sehenswert bleibt, liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Katja Studt als Bente und Fabian Busch als Kevin funktionieren nämlich nicht nur als Paar erstaunlich gut und sorgen so dafür, dass selbst die schnulzigsten Sätze frisch und mit einer herrlichen Brise Ironie daherkommen. Auch einzeln verleihen sie ihren Charakteren wunderbar schrullige Züge und geben ihnen dabei eine angenehm unaufdringliche Tiefe.

Busch hingegen verwandelt seinen Kevin in einen latent getriebenen Möchtegernbanker, der nicht nur von seiner Tochter entfremdet ist, sondern auch von sich selbst. Mit Humor und der richtigen Brise Ernsthaftigkeit wird die Figur dabei zu einem vielschichtigen Charakter, dem man seine Entwicklung – zumindest bis zu besagtem Schokobrunnenanfall – überraschend gut abnimmt.

„Ausgerechnet Sylt“, Donnerstag,
20.15 Uhr, ZDF