Hamburg

Hommage an einen großen Hamburger

Das Auswanderermuseum Ballinstadt erinnert an Albert Ballin als genialen Unternehmer, versierten Diplomaten und lebensfrohen Gastgeber

Hamburg. Hundert Jahre ist es her, dass Albert Ballin einen traurigen Tod starb, von dem bis heute nicht klar ist, ob er natürlich war oder von eigener Hand eingeleitet wurde. Nun widmet das Auswanderermuseum Ballinstadt dem Hamburger Reeder, der einst die Auswandererhallen auf der Veddel bauen ließ, eine Sonderausstellung: „Tatmensch. Albert Ballin“ – auf den Spuren einer großen Persönlichkeit.

Die Ausstellung

Dem Direktor des Museums, Jens Nitsch­ke, geht es mit dieser Schau nicht um historische oder chronologische Vollständigkeit. Vielmehr will er von dem Menschen Albert Ballin „ein möglichst lebendiges Bild zeichnen“. Die Menge an Texten ist gut zu schaffen, die Recherchetiefe nicht allzu groß. Stattdessen wird so viel wie möglich über Bilder erzählt, was besonders bei Kindern und Jugendlichen gut funktionieren dürfte. Beeindruckend ist ein handkoloriertes historisches Panorama vom Hamburger Jungfernstieg, das die Ausstellungsmacher auf eine breite Wand projizieren. Damals stand noch der alte, romantische, arkadenumstandene Alsterpavillon. Besucher können solche Aufnahmen über diverse Kapitel per Handsignal antippen, sich darüber hinaus Schiffe oder Ballins Familie ansehen und vieles mehr.

Ein vergrößerter Hamburger Stadtplan, Aufnahmen von Gebäuden, in denen Ballin wohnte oder arbeitete, und vor allem reproduzierte Originalfotos ziehen sich durch die ganze Ausstellung.

Albert Ballin

Der Reeder Albert Ballin wurde 1857 in Hamburg als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes geboren, der eine Auswanderer-Agentur aufbaute. Mit 17 Jahren übernahm Albert Ballin 1874 das väterliche Geschäft. Er arbeitete sieben Tage die Woche, machte nie Urlaub, und durch geschickte Kooperationen, intelligentes Unternehmertum, Härte, Charme und eine legendäre Gastfreundschaft wurde er so erfolgreich, dass die Hapag-Lloyd ihn 1886 abwarb. Als deren Chef machte er die Reederei innerhalb von elf Jahren zur größten der Welt. Sein gepolsterter Schreibtisch-Stuhl mit abgewetzten Armlehnen ist das einzige Möbelstück in der Schau, das er wirklich benutzt hat. Auch Selbstzeugnisse sind kaum überliefert.

Ballin hat das Kreuzfahrtschiff erfunden: Das erste hieß „Auguste Victoria“, fasste rund 200 betuchte Passagiere, 1891 plante Ballin mit ihr die erste Kreuzfahrt. Ein Modell der „Auguste Victoria“ steht unter Glas. Um mit solchen extrem komfortablen Schwimmpalästen auch im Winter Geld zu verdienen, ließ Ballin sie in den Orient schippern, mit Kapelle an Bord und 13 Ausflügen gegen die Langeweile.

Albert Ballin war ein genialer Vermarkter. Unter seiner Ägide baute die Hapag-Lloyd etwas kleinere Schiffe als die Konkurrenz. Er erreichte dadurch mehr Flexibilität und maximale Ausnutzung. Bei den Übersee-Passagierschiffen führte er Zwischendecks ein, die für arme Auswanderer erschwinglich und attraktiv waren, weil er auch ihnen Komfort bot. Damit schlug er die Konkurrenz aus dem Feld. „Ohne Zwischendeckpassagiere wäre ich innerhalb weniger Wochen bankrott“, sagte Ballin einmal. Gewerkschaften waren ihm ein Gräuel, er setzte sogar Streikbrecher ein. Andererseits war er seinen Mitarbeitern gegenüber loyal. Wenn es dem Unternehmen schlecht ging, strich er als Erstes das eigene Gehalt. In einer Zeit, in der sich die Reedereien im Preiskampf befanden, kam Albert Ballin mit Zähigkeit und diplomatischer Kunstfertigkeit weiter. Er baute ein weltweites Kontaktnetz auf. Jahrelang führte er komplizierte Verhandlungen zwischen englischen und deutschen Schifffahrtsgesellschaften. Ballin wollte den Frieden erhalten und nannte den Ersten Weltkrieg, an dem er schließlich selbst zerbrach, „den dümmsten und blutigsten, den die Weltgeschichte gesehen hat“.

Mit dem deutschen Kaiser war er eng verbunden, was darin gipfelte, dass Wilhelm II., von dem die Schau mehrere Fotos präsentiert, ihn zu seinem Minister und 1909 sogar zum Reichskanzler machen wollte. Ballin lehnte ab, weil er sich dafür hätte taufen lassen müssen.


Höhepunkte

Optisch ist die gesamte Ausstellung sehr ansprechend gestaltet. Besonders gelungen ist die groß gezogene Aufnahme von Ballins Hamfelder Villa, in die er gern und häufig einlud, übrigens ohne von der Hamburger Gesellschaft ebenfalls eingeladen zu werden. Antisemitismus dürfte dafür der Hauptgrund gewesen sein. Ballins Hausordnung, die ein Nachbar einst abschrieb und nun dem Museum übergab, ist dennoch die eines gelassenen Weltbürgers: Wer komme, der fühle sich wie zu Hause, das Frühstück nehme man bitte dann ein, wenn man Lust dazu habe. Niemand solle sich verpflichtet fühlen, mit den Gastgebern ständig „schön zu tun“.