Hamburg

Neues Gift auf dem Musikmarkt

Die Hamburger Rapperin Eunique bringt ihr erstes Album heraus. Doch das ist nur ein Schritt ihrer penibel geplanten Karriere. Eine Begegnung

Hamburg.  Als die Frau mit der viel zu großen Fliegerbrille den überfüllten Jungfernstieg entlangschlendert, gucken die Leute. Sie ist schwarz gekleidet, ihre Lederhose verliert sich in den großen weißen Plateaustiefeln. Hinter ihr gehen zwei Muskelpakete mit schwarzer Sonnenbrille, um sie wuseln zwei Musikjournalistinnen und über ihr strahlt die Sonne. Nur das Alsterhaus spendet Schatten. „Ich wollte nicht mit leeren Händen zurück nach Hamburg kommen“, sagt die Frau.

Sie heißt Qidinah Eunique Cudjo, ihr Künstlerinnenname ist Eunique. Sie wuchs auf in Poppenbüttel, wo sie 2015 ihr Abitur am Heinrich-Heine-Gymnasium machte. Heute, keine drei Jahre später, haben ihre Musikvideos mehr als zwei Millionen Klicks bei YouTube. Der Sportartikelhersteller Nike hat sie gerade zum Gesicht seiner neuen Kampagne gemacht. Bald ist sie in der zweiten Staffel der gefeierten TV-Serie „4 Blocks“ zu sehen. Und seit wenigen Tagen ist ihr erstes Album auf dem Markt. Wie konnte das passieren?

Sie übt das Posieren, die Fotografen wollen gute Bilder

Wer Euniques Karrierebeginn anschauen möchte, muss auf ihrem Facebookprofil hinunterscrollen bis zum Oktober 2015. Damals postete die junge Frau ein Video, kaum länger als eine Minute. Sie sitzt im weißen Shirt vor einer Kamera und rappt. Als der Berliner Musikproduzent Michael Jackson das Video sieht, schreibt er ihr eine Nachricht: Ob sie nicht mal nach Berlin kommen wolle. Qidinah Eunique Cudjo, damals gerade fertig mit dem Abi, überlegt, dann fährt sie hin.

Anfang 2016 sitzt sie in einem Zimmer in Schöneberg. Vor ihr steht Jackson und schreibt mit einem Edding Worte auf ein Whiteboard. Songwriting steht da zum Beispiel. Das könne sie noch verbessern, in ihren Raps schneller auf den Punkt kommen. Jackson notiert weitere Vorschläge auf das Papier, schnell ist es voll. Darunter zieht er einen langen Strich und schreibt: Bootcamp.

Es ist der Beginn ihrer Zusammenarbeit. Die nächsten eineinhalb Jahre wird Eunique auf einer Couch in der Wohnung von Jackson und seiner Freundin übernachten und oft nur wenige Stunden schlafen. Sie wird das Posieren üben, die Fotografen wollen gute Bilder. Sie wird wie eine Besessene Sport machen, dann kann sie auf der Bühne länger durchhalten. Und sie wird an ihrer Musik feilen. Bei all dem wird sie gefilmt, man kann es sich auf YouTube ansehen. Jackson hat schon mit vielen Rapkünstlern zusammengearbeitet, mit Kool Savas oder Manuellsen. Meist ist er Manager oder Produzent. Einer, der viel macht, aber unauffällig bleibt.

Wegen ihrer Musik ist Eunique heute in Hamburg. Es ist der Erscheinungstag ihres ersten Albums, „Gift“. Heute Abend tritt sie bei ihrer Releaseparty in einem Hamburger Club auf. Als sie in der Mittagssonne am Gänsemarkt steht, ist sie aufgeregt, angespannt. Die Musikjournalistin löchert sie mit Fragen.

Ein Mann mit Sandalen und Schürze geht auf sie zu. „Hey, alles klar?“ Die beiden umarmen sich. „Dein Album ist draußen, oder? Habe ich schon gehört!“, sagt er. Eunique lächelt. „Heute Abend ist Releaseparty“, sagt sie. Der junge Mann sagt, er komme vorbei und verabschiedet sich. Es sei ein Bekannter ihres Ex-Freundes gewesen. „Er war einer der Ersten, die mitbekommen haben, dass ich rappen will“, sagt Eunique. Sie hat noch immer viele Bekannte in Hamburg, an diesem Tag trifft sie mehrere Male auf Menschen, die sie kennt.

Und obwohl erst ihr Debüt erscheint, macht Eunique nicht nur Musik. Im Sommer wird sie an der Seite von
Kida Khodr Ramadan und Frederick Lau in der erfolgreichen TV-Serie „4 Blocks“ zu sehen sein, bei der es um mafiöse Clans im Berliner Stadtteil Neukölln geht. Auch dieser Teil ihrer Karriere ist kein Zufall.

„Ich habe ja gerade erst angefangen“, sagt Eunique

Als ihr Manager und Produzent Michael Jackson 2017 ein Video für einen anderen Rapper produzieren sollte, hatte er das Casting zur Serie im Kopf. Also platzierte er Eunique in dem Video, ihr Auftritt dauert ganze fünf Sekunden: Sie stürmt mit einer Waffe aus dem Auto. Ein Auftritt, der ein Image bildet. Wenige Monate später bekommt sie den Job. So ähnlich lief es bei dem Werbevertrag mit Nike. „Wir haben ihnen Brotkrümel hingeworfen“, sagt Jackson.

Am frühen Abend sitzt Eunique in einem viel zu kalten Zimmer im 17. Stock des Empire Riverside und legt den Kopf in den Nacken. Eine gute Freundin zieht ihren Liedschatten nach und schminkt sie für den Auftritt. Mittlerweile begleitet sie ein anderer Musikjournalist, der mit zwei Assistenten und einer Videokamera durch das Hotelzimmer schleicht. An einem Tisch etwas abseits sitzt ihr DJ, der nacheinander die Songs für die Show abspielt, Eunique murmelt dazu ihre Textzeilen. Der Musikjournalist fragt, was sie auf ihrem Weg halte? „Die Arbeit“, sagt Eunique. „Ich habe ja gerade erst angefangen.“

Als Qidinah Eunique Cudjo sechs war, schenkte ihr die Mutter ein Keyboard, mit leuchtenden Tasten, die den Takt vorgeben. Die Mutter war alleinerziehend und arbeitete als Flugbegleiterin, weshalb ihre Tochter oft bei einer anderen Familie unterkam, zu der sie bis heute ein gutes Verhältnis hat. Acht Jahre spielte sie Handball bei der SG Hamburg-Nord, als Flügelspielerin. Kurz nach ihrer Geburt zog Euniques Vater in die USA zurück. Auch er war Rapper, bis er im Jahr 2001 starb. „Ich habe aber bis vor zwei Jahren seine Musik nicht gehört“, sagt Eunique. Ihre Mutter wohnt noch immer in Ohlsdorf. „Wenn ich zurückkomme, schließe ich mich da in mein Zimmer ein und versuche, keinem zu antworten.“

Oft rappt Eunique über Themen, die im Genre üblich sind: Geld, Statussymbole, Wettkampf. Und auch, wenn sie sich nicht als Feministin sieht, positioniert sie sich klar als Frau in einem männerdominierten Genre. „In Deutschland fehlt mir, dass die Girls sich gegenseitig pushen. Das will ich ändern.“

Als Eunique auf die Bühne geht, ist sie im Kopf schon einige Karriereschritte weiter. Mit Jackson sei sie derzeit schon bei der Planung für März 2019.

Ob sie wieder zurück nach Hamburg komme? „Vorerst nicht, ich sehe mich in der nahen Zukunft eigentlich nicht in Deutschland“, sagt sie. „Eher in Amerika.“ Jackson sagt, ihr Album „Gift“ habe seinen Namen, weil man ihn auf Deutsch und Englisch verstehe. Schon im Mai wird sie mit dem legendären US-Rapper RZA zusammenarbeiten. Ein weiterer Schritt in ihrer Karriere. Auch der war geplant.