Hamburg

Alberner Bestseller-Spaß

Am Altonaer Theater unterhält Jonas Jonassons "Die Analphabetin..." das Publikum

Hamburg. Wie kann man zehn Kilo Antilopenfleisch mit einer tonnenschweren Bombe vertauschen? Mit der Lese-Rechtschreibschwäche südafrikanischer Beamter ist diese Verwechselung nur unzureichend zu erklären. Aber Logik und knallharte Realität haben den schwedischen Schriftsteller Jonas Jonasson beim Schreiben seiner Romane ohnehin nie besonders interessiert. Das war beim "Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand" nicht anders als bei der "Analphabetin, die rechnen konnte". Nachdem an seinem Haus der "Hundertjährige" bereits mit großem Erfolg lief, hat Intendant Axel Schneider sich jetzt der "Analphabetin" angenommen und die Romanvorlage im Altonaer Theater auf die Bühne gebracht. Schneider lässt sich auf die Absurditäten der Vorlage ein und steigert sie noch weiter. Jonassons Roman wird auf der Bühne zu einem ziemlich albernen Spaß.

Verwechslungen spielen eine große Rolle in dieser Farce. Zwei der Haupt­figuren, beide heißen Holger, sind eineiige Zwillinge. Damit sie sich wirklich zum Verwechseln ähnlich sind, tragen sie auch noch die gleichen mit Kreuzen bestickten Pullover, blaue Jeans und schwarze Sneakers. Nur in Hinblick auf ihren Durchblick unterscheiden sie sich enorm. Holger 1 (Dirk Hoener) ist ein ausgemachter Trottel, dessen einziger Lebensinhalt der Kampf gegen den schwedischen König ist. Holger 2 (Georg Münzel) ist deutlich smarter, wird durch den Bruder und dessen durchgeknallte Freundin Celestine (Thersa Horeis) aber immer wieder in peinliche Situationen gebracht. Voll­ends zum Chaos wird das Leben der Holgers als die südafrikanische Asylantin Nombeko (Lennora Esi) mit ihrer großen Kiste auftaucht. Inhalt: eine Atombombe. Gar nicht so einfach, so ein explosives Ding wieder loszu­werden.

Im Zentrum der Inszenierung von Axel Schneider, der auch die Bühnenfassung geschrieben hat, steht die dunkelhäutige Nombeko. Sie ist in diesem Reigen von Flitzpiepen die Einzige mit einem klaren Verstand und keine Karikatur. Ihr sind zwar in ihrem Leben in Südafrika ein paar hanebüchene Dinge widerfahren, doch Nombeko möchte in Schweden nur ein normales Leben als Frau und Mutter führen. Ohne Bombe. Die junge Lennora Esi überzeugt in der Titelrolle mit ihrer natürlichen Ausstrahlung, ihrer Schlagfertigkeit und der Fähigkeit, für etwas Ordnung zu sorgen, wenn in dem sie umgebenden Chaotenhaufen mal wieder alles aus dem Ruder läuft. Sie ist der Ruhepol in diesem aufgedrehten Figurenhaufen, in dem vor allem die Holgers kaum zu stoppen sind.

Münzel als der vernünftigere Holger 2 versucht zwar auch, seinen Bruder zu bremsen, doch immer wieder bringt der ihn mit seinen infantilen Ideen in die Bredouille. Celestine ist da auch keine große Hilfe. Theresa Horeis spielt ihre Figur als rotzige Totalverweigerin, die gegen alles opponiert, eigentlich auch gegen sich selbst.

Für eine Reihe von Lachern sorgen auch die anderen vier Schauspieler, die eine Vielzahl von Rollen übernehmen müssen und das mit Bravour schaffen. Frank Roder und Sebastian Faust spielen zwei Mossad-Agenten, die sich immer neue Tarnnamen ausdenken müssen ("Hallo Cevapcici, hier ist Homo Doberan") und sich bei ihren konspirativen Aktionen ziemlich verheddern. Roder überzeugt auch als stocksteifer Ministerpräsident, der auf seinen König (Olaf Paschner) aufpassen muss. Carl XVI. Gustaf überrascht als Hühnerschlachter und geselliger Typ, der er womöglich auch im wirklichen Königsleben ist. Einen Anruf seiner Gemahlin beantwortet er mit dem Satz: "Nein, mein Schatz, ich bin nicht am Rum­huren!"

Katrin Gerken hat die meisten Nebenfiguren inklusive schneller Garderobenwechsel zu spielen. Sie ist die genervte Vorzimmerdame beim Ministerpräsidenten, eine resolute Kartoffelfarmbesitzerin und die geizige Frau Blomgren, die in ihrem Haus elf Öre für jede Toilettenbenutzung kassiert.

In Jonassons Roman gibt es sehr viele mitwirkende Personen und jede Menge Ortswechsel. Regisseur Schneider hat seine Bühnenfassung entsprechend gekürzt, Bühnenbildner Stephan Bruckmeier löst das Problem effizient mit einer riesigen gelben Kiste, die multifunktional benutzt wird. Sie dient den Holgers als Kissenlager, Nombeko als Bombenversteck und kann zu einem Lkw oder einem Hubschrauber umfunktioniert werden. Das Gelb und das Blau des Bühnenbildes nehmen zudem die Farben der schwedischen Flagge auf.

Schneiders Inszenierung von Jonassons Roman, im vergangenen Jahr in Jagsthausen unter seiner Regie uraufgeführt, erinnert mit seinen schrägen Figuren manchmal an die Muppets-Show, weil die Charaktere bis auf Nombeko überzeichnet sind. Doch das Zusammenspiel des Ensembles funktioniert, die Inszenierung besitzt viel Tempo und Wortwitz, nimmt sich als Theaterstück selbst auf die Schippe und möchte alles andere als ernst sein.

Das Publikum goutiert die Albernheiten. Es hat sichtlich Spaß an dem komischen, fast immer übertriebenen Spiel und feiert Schauspieler und Regisseur mit langem und lautem Beifall.

"Die Analphabetin, die rechnen konnte"
bis 27.5.; Altonaer Theater (S Altona),
Museum-straße 17, Karten ab 20,- unter:
T. 39 90 58 70; www.altonaer-theater.de

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