Hamburg

Hamburgs Kulturlotsin

Ein Verein vermittelt Lesungen, Ausstellungen, Theater und Kino, die so gut wie nichts kosten

Hamburg.  Eine Stunde am Nachmittag konnte sie diese Woche tagsüber freischlagen – im Sinne des Ehrenamtes, im Sinne der Kultur. Der Weg führte Franziska Becker zum Michel. „Die lokale Zugehörigkeit ist ein typisches Kennzeichen für den Kulturlotsen“, sagt sie. Verbreiten, was Hamburg alles kulturell zu bieten hat, welche Veranstaltungen wenig oder gar kein Geld kosten, das will sie.

Seit September ist Franziska Becker Erste Vorsitzende von Kulturlotse Hamburg, einem Verein, dessen erweitertem fünfköpfigen Vorstand die 26-Jährige zuvor ein Jahr lang angehört hatte. Erst diesen Donnerstagabend galt es, das reguläre Vereinstreffen im Ledigenheim zu organisieren – wie an jedem dritten Donnerstag des Monats im Haus in der Neustadt.

Das Ledigenheim ist mit seinem Kulturraum seit zwei Jahren Ort für regelmäßige Kulturlotsen-Treffen. Das Haus meldet Veranstaltungen wie Konzerte und Lesungen über die Webseite kulturlotse.de. „An das Ledigenheim sind wir herangetreten. Wir suchen immer das persönliche Gespräch“, erläutert Franziska Becker. „Wir sind keinem Theater und Museum explizit zugeordnet, wir gehen bei kostenfreien Veranstaltungen in den Austausch.“

Aufgrund ihrer Affinität zu kulturellen Veranstaltungen sei die Webseite schon früher ein Lesezeichen in ihrer Browserleiste gewesen. „Spannende Vorträge und Konzerte habe ich durch Kulturlotse besucht und neue Orte in meinem Stadtteil St. Pauli kennengelernt“, erzählt sie. Etwa einen Klavierabend im Club Häkken oder eine Kunstausstellung in der Affenfaust Galerie. Dann sah sie ein Gesuch nach Unterstützung auf der Webseite. „Da wollte ich etwas zurückgeben und an der Kulturlandschaft aktiv mitwirken.“

Hauptberuflich begleitet die junge Frau als Projektkoordinatorin E-Bus für die Hochbahn die Umstellung von Dieselfahrzeugen auf eine emissionsfreie Busflotte. Ehrenamtlich begleitet sie, vielmehr ihr Team aus 20 Mitgliedern sowie etwa 35 weiteren ehrenamtlichen Kulturlotsen, auch Senioren zu Veranstaltungen. Außer dieser Begleitung gibt es die Arbeitsgruppen „Kulturredaktion“ und „Kulturschaffende“. Das Vereinsmotto „Kultur verbindet uns!“, wird so (vor-)gelebt.

Franziska Becker ist verantwortlich für den Kulturkalender. „Alle gemeldeten Beiträge werden redaktionell überarbeitet, geprüft und Informationen zu Veranstaltungsorten ergänzt“, sagt sie. „Grundsätzlich wird bereichsübergreifend gearbeitet.“

Das war so nicht denkbar, als Bert Nitsche Kulturlotse 2010 noch unter dem Namen hamburg-for-free.de als privates Projekt gestartet hatte. Der IT-Experte, bis heute Mitglied des erweiterten Vorstands, wollte von Beginn an einen Veranstaltungskalender für kostenlose Kulturangebote schaffen. Nach dem Relaunch und der Umbenennung der Webseite 2012 verzeichnet kultur lotse.de nun rund 80.000 Seitenaufrufe pro Monat und präsentiert etwa 100 Veranstaltungen pro Tag.

Jeder in der Stadt soll Kultur erleben können. Kulturlotse will lokalen Angeboten wie etwa Stadtteilzen­tren Präsenz verschaffen, auch Nachwuchskünstler erhalten eine Plattform. Kulturlotse e.V. finanziert sich nur durch Gewinne von Vereinswettbewerben, Zuwendungen von Stiftungen und dank privater Spenden.

Seit zwei Jahren arbeitet der Verein mit der Stadt zusammen. „Hamburg Tourismus betreibt eine Veranstaltungsdatenbank für die Me­tropolregion Hamburg. Wir ergänzen das Kalenderangebot um weitere Tipps und Informationen zur Barrierefreiheit“, sagt Becker.

Ein möglichst barrierefreies Hamburg auch in der Kultur, diesen Schwerpunkt haben Franziska Becker und der Verein aktuell. „Das Ziel für das Jahr 2018 ist, mehr Kulturangebote für Rollstuhl- und Rollatorfahrer in unserem Kalender kenntlich zu machen und örtliche Begebenheiten präziser zu beschreiben“, sagt sie. Dafür werden Anforderungen an die Veranstaltungsorte gesammelt und Informationen gefiltert. Partner wie Barrierefreies Hamburg e. V. sollen helfen.

„Eine gute Planung ist wichtig, da vor allem ausgefallene Fahrstühle oder Rolltreppen den Zeitplan gefährden können“, sagt Franziska Becker. „Es werden ständig freiwillige Helfer gesucht, aber auch neue Zielgruppen für unsere Kulturbegleitungen.“

Trotz des großen Zeitaufwands möchte sie ihr Engagement für Kulturlotse e.V. nicht missen: „Mich beglückt vor allem das Vernetzen von Menschen und das positive Feedback der Vereinsmitglieder sowie Besucher“, resümiert sie. Bestes Beispiel ist die Mail eines Frauenchors: „Die Chorleiterin war begeistert von unserer Webseite und hatte mit kleinem Budget die Chorreise zu einer der beworbenen Veranstaltungen geplant. Die Gruppe ist auf andere Kulturgelotste getroffen, hatte viel Spaß und hat sich herzlichst bedankt.“

Eine Konsequenz: Franziska Becker, IT-Fachmann Nitsche und Co. haben auf ihrer Webseite ein Verabredungs-Tool weiterentwickelt. Damit sollen Kulturinteressierte künftig gemeinsam Veranstaltungen besuchen und ihre Erfahrungen teilen können.

Mehr Informationen: www.kulturlotse.deKoordination Ehrenamt Kulturbehörde,
T.42 82 42 08, www.hamburg.de /bkm/ ehrenamtliches-engagement