Hamburg

Ein Konzertpublikum, das zum Störfaktor wurde

Das Hagen Quartett und Sol Gabetta in der Elbphilharmonie

Hamburg.  Konzerte könnten so schön sein, wenn nur das Publikum nicht wäre. Auf diesen Nenner muss man leider bringen, was sich am Dienstagabend im Großen Saal der Elbphilharmonie abgespielt hat. Dem Saal, den alle sehen wollen, den aber offenbar nicht ­alle auch hören wollen. Sonst brächten sie ein Mindestmaß an Rücksicht und Einfühlung auf.

Mit Kammermusik scheint an diesem Abend mancher nicht gerechnet zu haben. Ist ja auch mühsam. Muss man ja hinhören. Selbst bei so hochkarätigen Künstlern wie dem Hagen Quartett und der Cellistin Sol Gabetta als Gaststar, die Pro Arte und die Kammermusikfreunde gemeinsam nach Hamburg ­geholt haben. Schon den zarten Beginn von Beethovens Streichquartett op. 18 Nr. 3 unterlegt das anhaltende Klingeln eines Handys aus Block A (auch die teuerste Preiskategorie schützt vor Rüpelhaftigkeit nicht). Kaum gelingt es den Musikern, den lyrischen Gedanken gegen den Geräuschteppich Raum zu verschaffen. Sie lassen sich nicht dazu verleiten, am Lautstärkeregler zu drehen, bringen die Musik zum Atmen, ­ohne dass das flexible Zeitmaß manieriert oder zu romantisch wirken würde.

Husten, Bonbonrascheln und dann ein Gang zur Toilette

So traumwandlerisch sicher ist das Zusammenspiel, dass man sich wieder einmal fragt, ob das nur möglich ist, weil drei der vier Musiker Geschwister sind. Einen frühen Beethoven ins 21. Jahrhundert zu transportieren, indem man die Harmonien wie schwarze Tücher über­einanderlegt und in die Dissonanzen hineinhorcht, das ist reinste Hagen-Magie.

Jedenfalls für die, die sich noch konzentrieren können. Es liegt nicht an den Musikern und auch nicht an den dynamischen Grenzen eines Streichquartetts, aber das Ganze droht sich zu versenden. Das Publikum hat sein Mitwirkungs­repertoire aus Husten, Bonbonpapier­rascheln und dergleichen in der Elbphilharmonie um zwei Elemente erweitert: Zum einen wird beinhart nach jedem Satz geklatscht – auch wenn die Musiker sehr gestisch andeuten, dass gerade Stille angemessen wäre. Und zum anderen herrscht ein munteres Kommen und Gehen noch in den ernstesten Momenten.

Erstaunlich, dass von Anton ­Weberns minutenkurzen, radikal reduzierten „Sechs Bagatellen“ überhaupt etwas zu vernehmen ist. Die Hagens setzen dafür die ganze Palette ihrer Klangfarben, ihres exquisiten Zeitgefühls ein. Wie klingende expressionistische Aquarelle huschen die Miniaturen vorbei, ­jeder Tupfer, jede einzelne gezupfte Note ist mit Bedeutung nur so aufgeladen.

Und dann geschieht das Wunder. Schuberts spätes Streichquintett wird zu einer Seelenreise durch die Empfindungen des jungen, von Todesängsten ­geplagten Komponisten. Die Musik ist immun gegen Zumutungen wie die, dass mitten im tiefschwarzen, fast unhörbar leisen Mittelteil des dritten Satzes ­jemand vernehmlich der Toilette ­zustrebt. Wie die fünf den himmelweiten Kantilenen mit einer sanften Verzögerung einen Hauch Heurigenschwung einhauchen, das macht ihnen keiner nach. Die Polarität zwischen Volkstümlichkeit und Melancholie macht Schuberts Musik so herzzerreißend.

Gabetta am zweiten Cello erweist sich wieder einmal als hingebungsvolle Kammermusikerin. So unterschiedlich sie und der geniale Cellist Clemens ­Hagen als Persönlichkeiten sind, so gut harmonieren sie. Gabetta kommt gleichsam die Kontrabassfunktion zu, und sie füllt sie voll aus. Alle Cellisten lieben diese zweite Cellostimme, sie steigt ­hinab in die Abgründe der Musik und trägt die anderen auf Händen, mal murmelnd und mal singend. Ein unvergesslicher Eindruck.

Beim Verlassen des Saals ­beschleicht den Hörer ein finsterer Verdacht: Könnte es sein, dass Kammer­musik eine elitäre Kunstform ist und bleibt? Sind wir an die Grenzen der Vermittelbarkeit gestoßen?

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