London

Eine Totenmesse als Feier des Lebens

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele

Starregisseur Alain Platel und Komponist Fabrizio Cassol erzählenin „Requiem pour L.“ Mozart neu

London.  Der Tod ist eines der letzten Tabus in unserer an Entblößungen ohnehin nicht armen Mediengesellschaft. Die Zuschauer, die an diesem Abend im Londoner Sadler’s Wells Theatre „Requiem pour L.“ von Alain Platel und Fabrizio Cassol anschauen, sitzen fast zwei Stunden lang still, sehr still. Vor ihnen erhebt sich eine Art schwarzes Gräberfeld, das an einen Friedhof oder ein Mahnmal erinnert. Darüber eine große Leinwand.

Ein Schwarz-Weiß-Film zeigt die letzten Stunden einer bettlägrigen Person namens „L.“. Einen Teddybär im Arm, immer wieder die trockenen Lippen benetzend, schließt sie mal die Augen, dann wieder betrachtet sie wach ihre Umgebung. Man sieht, wie mehrere Menschen ihren Arm berühren und mit ihr sprechen. Es sind intensive, gleichwohl friedvolle Bilder.

Sie korrespondieren mit der – teilweise ausgesprochen fröhlichen – Musik und Bewegung, die parallel auf der Bühne zu sehen ist und mit der insgesamt 14 Musiker und Sänger, einige aus Europa, andere aus Afrika, das Gräberfeld bespielen. Mozarts letztes, unabgeschlossenes Werk „Requiem“ erklingt – aber anders als üblich. Der belgische Musiker Fabrizio Cassol hat es mit musikalischen Einflüssen aus allen Teilen der Erde zu einem komplexen Hybrid versehen.

Gesungen und performt wird der Abend von fantastischen Darstellern unter anderem aus dem Kongo und aus Südafrika, die schon in dem Vorgängerwerk „Coup Fatal“ glänzten. Gitarrist Rodriguez Vangama dirigiert das Bühnengeschehen mit genau nuancierten Gesten. Am Ende gibt es minutenlang stehende Ovationen. Vom 5. bis 7. April besteht Gelegenheit, das Werk des international gefeierten belgischen Theaterregisseurs und Choreografen Platel auf Kampnagel zu sehen.

„Ich war häufig mit dem Tod konfrontiert“, erzählt Alain Platel, ein ernsthafter und freundlicher Zeitgenosse, am Morgen nach der Premiere. Nicht nur der Tod seines Vaters und, tatsächlich, seines Hundes, sondern auch der seines künstlerischen Mentors, des ehemaligen Salzburger-Festspiele-Chefs Gerard Mortier, habe eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema ausgelöst. „Nach dem Lebenslust versprühenden ‚Coup Fatal‘ suchte ich nach neuen Zutaten.“ Gegenüber „Coup Fatal“, für den sich Barockmusik, afrikanischer Rock und Jazz fröhlich verbanden, wirkt „Requiem pour L.“ zunächst schwarz, schwer, gewichtig. Und doch ist es nicht nur eine Totenmesse, sondern auch eine Feier des Lebens.

„Der Tod“, sagt Platel, „ist das große Thema des Lebens.“ Er suchte nach einer Form, die auch von einem kollektiven Gedächtnis erzählt. Das an Anspielungen reiche Werk ermöglicht dem Zuschauer nun eine Vielzahl an Assoziationen. „Ich wollte den Tod direkt zeigen, nachdem ich in meinem persönlichen Leben erfahren habe, dass der Tod nicht notwendig etwas ist, das Angst macht.“

In seiner Radikalität ist der Abend typisch für den Choreografen und Theaterregisseur Alain Platel und seine Compagnie Les Ballets C de la B. Die Genregrenzen seiner Arbeiten hat er mit den Jahren immer stärker verschoben und ausgedehnt. Er gilt als der Psychologe, Therapeut und Humanist unter den Starchoreografen. Dass er parallel als Sonderpädagoge in einem Krankenhaus für behinderte Kinder arbeite, habe stark dazu beigetragen, dass er als Regisseur vollkommene Freiheit verspüre, so Platel. Regelmäßig entstanden Inszenierungen mit dem Saxofonisten und Komponisten Fabrizio Cassol. Der wiederum trug sich schon lange mit der Idee, anhand von Mozarts „Requiem“ eine ganz andere Geschichte zu erzählen. „Es gibt verschiedene Handschriften. Vieles ist von Mozart, einige Teile wurden aber von anderen Komponisten vollendet. Wieso kann man es dann nicht mit Musikern aus aller Welt erzählen?“, so der redselige Cassol. Er hatte bereits für Platels Vorgängerprojekt die Musiker entdeckt. Rodriguez Vangama in einem Club in Kinshasa, den portugiesischen Akkordeonisten João Barradas für ein mediterranes Programm. „Musik kann man nicht geografisch eingrenzen. Es ist ein kolonialer Reflex, zu glauben, dass Einflüsse nicht in alle Richtungen möglich sind. In der modernen afrikanischen Musik finden sich auch allerlei westlichen Einflüsse“, erzählt Cassol.

Für Platel ist „Requiem pour L.“ wie bereits „Coup Fatal“ eigentlich eine Oper. Und hier gelingt etwas sehr Rares. Platel und Cassol heben viele Gegensätze unserer heutigen Lebenswelt auf: Weiß und Schwarz, Afrika und Europa, klassisch-europäisch und afrikanisch, Mann und Frau, Leben und Tod – und versöhnen sie in einem künstlerisch feinen Ritual mit vielen starken Bildern.

Platel kannte seine Figur L., die seine Arbeit sehr schätzte. Als sie krank wurde und wusste, dass es zu Ende geht, gab sie dem Regisseur die Einwilligung, sie filmen zu dürfen. Verliert man über die Kunst die eigene Angst vor dem Ende? Vielleicht ein wenig, doch ja, sagt Platel. „Der Tod ist auch in Afrika ein Drama, aber die Menschen entdramatisieren ihn, wie sie es mit vielen Dingen im Leben tun“, erzählt Cassol. Die persönliche Emotion geht im Kollektiv auf. Mit der Unausweichlichkeit des Todes nicht allein zu sein, das ist eine tröstliche Erfahrung, die man als Betrachter von „Requiem pour L.“ durchlebt.

Alain Platel & Fabrizio Cassol: „Requiem pour L.“ 5.4. bis 7.4., jew. 20.00, Kampnagel, Jarrestraße 20–24, Karten: T. 27 09 49 49; Die Reise nach London wurde unterstützt
von Kampnagel.