Hamburg

Was für ein Frauenbild ...

Wegweisende Arbeiten der Künstlerin Astrid Klein sind in der Harburger Sammlung Falckenberg zu sehen

Hamburg.  „Die fünf schlimmsten Krankheiten des weiblichen Geistes sind Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“, weiß der japanische Philosoph Kaibara Ekiken (1630–1714). Riesiger Blödsinn, natürlich, aber das Zitat des Neo-Konfuzianers in Astrid Kleins Collage „Untitled (Die fünf schlimmsten Krankheiten)“ von 1979 stammt aus einer Zeitung, scheint also Ende der Siebziger noch eine gewisse Deutungsmacht besessen zu haben. Neben dem Zitat ist eine junge, leicht poröse Frau zu sehen, tief dekolletiert, ungeordnete Locken, leicht geöffneter Mund: „Aufsässigkeit, Unzufriedenheit, Geschwätzigkeit, Eifersucht und Dummheit“.

Für Bilder wie „Die fünf schlimmsten Krankheiten“ ist Klein bekannt: großformatige Collagen, in denen die 1951 geborene Künstlerin Artefakte aus Tageszeitungen, Magazinen, Werbung und Popkultur miteinander kombiniert, ohne die materielle Struktur des Gezeigten zu verschleiern – die Quellen bleiben deutlich, man erkennt an der groben Rasterung, dass die Fotos massiv vergrößert wurden, selbst Schnitt- und Klebespuren sind sichtbar. Inhaltlich hinterfragt sie Weiblichkeitsbilder und Machtstrukturen, verweist auf Gewalt und Erotik, drastisch, verstörend, mit hintergründigem, bösem Humor. So wurde Klein zu einer der wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation, nahm 1986 an der Biennale von Venedig teil und zeigte jahrelang ihre Installation „Endzeitgefühle“ in einem Hamburger U-Bahn-Tunnel.

Beeindruckend sind auch die Neonröhren-Installationen

Die Ausstellung „Transcendental
Homeless Centralnervous“ in der Harburger Sammlung Falckenberg ist die erste retrospektive Einzelpräsentation der Kölnerin. Zu sehen sind natürlich jene feministisch inspirierten Collagen zwischen Pop, Politik und Quellenskepsis: die Fotoromanfragmente „Les Têches Dominicales (Sunday Works)“ von 1980 zum Beispiel. Aber auch Seitenstränge aus Kleins Œuvre: die frühen „Schwarzen Bilder“ etwa, kleinformatiger Symbolismus, der ab 1977 gar nicht mehr auftaucht. Und das zeichnerische Frühwerk aus den Jahren 1975 bis 1988, von dem nur noch wenige Beispiele existieren, die allerdings überraschend in die Gegenwart verweisen, zu den Collagen auf transparenten Oberflächen, die Klein ab 1994 herstellt.

„Transcendental Homeless Centralnervous“ nutzt die riesige Fläche der Harburger Phoenix-Hallen, um mal falsch abzubiegen, mal über einen Umweg zurück in die Spur zu finden und mal in einer Sackgasse zu landen. Das ermöglicht der Ausstellung, auch Kleins Rauminstallationen zu integrieren: die verstörenden „Fliegenfänger“-Arbeiten (1981/85). Neonröhrenskulpturen, darunter das zentrale „Untitled (Wie kommt die Zeit ins Hirn?)“ (1999/2002), dessen flirrende Helligkeit hier als Beispiel für die komplizierten Abläufe des zentralen Nervensystems beschrieben wird. Nicht zuletzt die ab 1991 entstehenden Spiegelinstallationen, die überraschend zu dem wieder die Collagestruktur aufnehmenden „Untitled (Mirror of nothingless)“ (2012) führen – einem negativen Spiegel, der einen Anknüpfungspunkt zu den ganz frühen Arbeiten herstellt.

Drei Stockwerke füllt diese Präsentation. Erst im vierten Stock mischen sich letzte Klein-Arbeiten mit Exponaten aus der Sammlung, die überraschend gut passen – Santiago Sierras „Sumision“ (2007) oder Phil Collins’ „Britney“-Serie (2001/05). Und mit einem Schlag ist die Ausstellung selbst zur Collage geworden, drastisch, beunruhigend. Und böse humorvoll.

„Astrid Klein: Transcendental Homeless Centralnervous“ noch bis 2.9., Sammlung Falckenberg, Phoenix Fabrikhallen, Wilstorfer Str. 71, Tor 2, Besuch Do bis So im Rahmen einer Führung, buchbar unter:
www.sammlung-falckenberg.de