Hamburg

Wenn ein Vater seinem Sohn den Tod wünscht

Philipp Kronenberg ist einer der vier  starken Darsteller  in der Franz-Kafka-Adaption „Das Urteil“

Foto: SINJE HASHEIDER / Sinje Hasheider, 2018

Philipp Kronenberg ist einer der vier starken Darsteller in der Franz-Kafka-Adaption „Das Urteil“ Foto: SINJE HASHEIDER / Sinje Hasheider, 2018

Am Jungen Schauspielhaus hatte „Das Urteil“ Premiere. Ein anspruchsvolles Stück über eine unheilvolle Beziehung.

Hamburg.  Am Anfang steht eine Inhaltsangabe. Ungewöhnlich für einen Theaterabend, weil das Ende des Stücks miterzählt wird, doch sinnvoll, weil Franz Kafkas Novelle „Das Urteil“ sich als theatraler Stoff nur bedingt eignet. Clara Heyde hat sich dennoch Kafkas Text vorgenommen und aus der Vorlage am Jungen Schauspielhaus einen klugen Theaterabend gemacht. „Eine Heim­suchung nach Texten von Franz Kafka“ hat sie ihre Arbeit untertitelt.

Die Inszenierung kreist um die Themen Tod, fehlende väterliche Zuneigung und Repression. Vier Schauspieler und ein Chor aus vier Kindern schlüpfen in die verschiedenen Rollen, tauchen als Doppelgänger auf oder verwandeln sich. Das im September 1912 entstandene kurze Werk, von Kafka nachts in nur acht Stunden geschrieben, handelt von einem Brief, den ein junger Mann an seinen Freund in St. Petersburg schreibt und in dem er diesem Freund seine Verlobung mitteilen möchte. Er zeigt den Brief dem Vater und es kommt zu einem Streit, bei dem der Vater seinen Sohn Georg mit schlimmen Vorwürfen überzieht. Er beendet die Auseinandersetzung mit den Worten: „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ Darauf verlässt Georg das Elternhaus und ertränkt sich.

Erstickungstod statt Ertrinken

Drei Schauspieler (Sergej Gößner, Gabriel Kähler und Philipp Kronenberg) und eine Schauspielerin (Sophia Vogel) teilen sich die Rollen des Georg und des Vaters. Der Sohn buhlt um dessen Gunst, doch immer wieder wird er zurückgestoßen und missachtet. Clara Weyde, für ihre Inszenierung von „Das Totenschiff“ am Lichthof bereits mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet, findet immer neue Bilder, in denen sie die fehlende Liebe des Vaters für den Sohn zeigt. Besonders drastisch wirkt eine Szene, in der der Vater seine elf Nachfahren wortreich beschreibt. Als Georg, Sohn Nummer sechs, an der Reihe ist, verstummt er, verlässt den Raum und lässt das erwachsene Kind verstört zurück. Auch der Versuch, den Brief vorzulesen, taucht als Motiv immer wieder auf. Der Tod ist ebenfalls allgegenwärtig. So sezieren Vater und Sohn in einer Pathologie zur Musik von Simon & Garfunkel zwei Leichen. „Na, Papa, was gibt’s bei dir heute?“, fragt Georg. „Wasserleiche“, antwortet der Vater. In einer anderen Szene legt Sophia Vogel sich auf den Boden und simuliert den Erstickungstod als Variation zum Ertrinken.

Die Inszenierung könnte junge Jugendliche überfordern

Weyde benutzt Motive aus anderen Kafka-Erzählungen für ihre Inszenierung, vor allem aus „Die Verwandlung“, in der die Hauptperson Gregor Samsa zu einem Insekt mutiert. Beschrieben werden vor allem Parasiten und Würmer, die Wirtstiere nutzen, töten oder in Zombies verwandeln. Offensichtlich wird dieser Bezug zur „Verwandlung“ durch eine Sendung von „Radio Samsa“, die in einem Kofferradio läuft und in der Kinder kurze, oft sehr naive Kommentare zum „Urteil“ abgeben.

Naivität kann man der jungen Regisseurin nicht vorwerfen, im Gegenteil. Ihre Variationen über das „Urteil“ und seinen berühmten Autoren könnte Zuschauer der Altersgruppe ab 14 überfordern, für die das Stück gedacht ist. Diese bildstarke Inszenierung ist eher für Oberstufen-Schüler und ein erwachsenes Theaterpublikum geeignet.

„Das Urteil“ nächste Aufführungen 26./27.3., jeweils 19.00, Junges Schauspielhaus, Kirchenallee 43, Eingang über den Malersaal, Karten 13,-/7,50 (erm.) unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de

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