Hamburg

An den Kammerspielen bleibt das Lachen im Halse stecken

Mit Assous’ „Der rechte Auserwählte“ tarnt sich eine raffinierte Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus als gehobener Boulevard

Hamburg.  Die Situation ist heikel. Charline (Ruth Marie Kröger) hat sich zum Abendessen bei Melanie (Wanda Perdelwitz) und Greg (Ole Schloßhauer) angekündigt. Anwesend ist auch Jeff (Volker Zack Michalowski), Charlines Ex-Freund, der die Trennung nicht gut weggesteckt hat. Außerdem hatte Charline einst eine Affäre mit Greg, von der freilich niemand wissen soll. Verschärfend kommt hinzu, dass Charline den Abend nutzen will, ihren Auserwählten Noel im linksliberalen Freundeskreis einzuführen – Melanie hofft, dass Noel wie ein Katalysator wirkt, der die emotionalen Spannungen auflöst.

Jedenfalls tut das Auftreten Noels Jean-Claude Beruttis deutschsprachiger Erstaufführung von Eric Assous’ „Der rechte Auserwählte“ an den Hamburger Kammerspielen gut. Irrlichtert der Abend bis zu diesem Punkt noch mehr oder weniger unelegant zwischen Gesellschaftskomödie, Wohlstandssatire und grimassierender Clownerie, verschafft der Vollblutkomiker Stefan Jürgens der Geschichte eine Erdung, an der sich die vier Großstadtneurotiker abarbeiten können, jovial, selbstsicher, mit provozierender Körperlichkeit.

Was dem Stück nutzt, hilft den Figuren freilich nicht. Noel nämlich mag ein netter, vielleicht ein wenig großspuriger Typ sein – bei der ersten Gelegenheit aber zieht er über Schwarze und Juden her, nölt, dass die französische Justiz zu lasch sei, und outet sich als Waffennarr. Mit anderen Worten: Noel ist ein lupenreiner Rassist. Wie geht man damit um, dass die beste Freundin beziehungsweise Ex-Geliebte so jemanden heiraten wird? Man macht, was man als guter Linksliberaler immer erst mal macht: Man diskutiert.

Am Ende hält der Rechte einen Vortrag über Toleranz

Bloß lässt sich mit Noel nicht vernünftig diskutieren. Der nämlich poltert durchs Repertoire der Vorurteile, weiß, „wie die Juden eben so sind“ (peinliche Stille auf der Bühne, peinliche Stille im Publikum), und wiegelt sofort wieder ab: „Wenn ich irgendjemanden verletzt haben sollte, dann tut mir das leid.“ Handschlag, alles wieder gut, okay? Noel tut also genau das, was Rechtspopulisten immer tun: Er provoziert, er verletzt, und hinterher war es nicht so gemeint. Im Schafspelz der gehobenen Boulevardkomödie hat Assous eine raffinierte, vielschichtige Auseinandersetzung mit rechtspopulistischen Argumentationsstrukturen aufgebaut, und Beruttis zurückhaltende, stimmige Inszenierung lässt die Auseinandersetzung nach ersten Anlaufschwierigkeiten praktisch ohne Reibungsverluste auf das Kammerspiel-Publikum los, dem mittlerweile gar nicht mehr zum Lachen ist.

Denn Melanie und Greg sind genau nach dem Publikum modelliert: kultiviert. Engagiert. Bürgerlich. Wohlsituiert. Gestalten, die Noels rechtem Durchmarsch gegenüber alles andere als eine gute Figur machen. Der Eindringling lässt ihre Argumente schlicht ins Leere laufen, bis sie nur noch versuchen, ihn loszuwerden respektive Charline davon zu überzeugen, die Hochzeit abzusagen. Was ihnen am Ende auch gelingt, aber ihr Sieg ist ein schaler Sieg – wer sich ausgerechnet von einem Rechten einen Vortrag über Toleranz anhören muss, braucht nicht stolz zu sein auf seine Diskussionsfähigkeit.

Dass der Konflikt so wirkungsvoll ist, hat damit zu tun, dass die zu Beginn arg grob gezimmerten Figuren im Laufe des Abends immer feiner herausgearbeitet werden. Berutti weiß, mit wem er sich beschäftigt: mit Menschen, die eigentlich nur das Beste wollen. Das Programmheft zitiert dazu Romy Straßenburgs Analyse der Bobos, der „Bourgeois-Bohème“, die meist vereinfachend als Hipstertum wahrgenommen wird. Straßenburg weist nach, dass das Thema komplexer ist, und das Wissen um diese Komplexität prägt auch Beruttis Inszenierung. Hier wird niemand denunziert. Geschont freilich auch nicht.

Am Ende jammert Charline: „Niemand mag Noel!“ Stimmt. Fast tut er einem leid, aber nur fast. Die Hochzeit wird nicht stattfinden, puh. Gerade noch mal Glück gehabt.

„Der rechte Auserwählte“, wieder am
28. und 29.3., 5.–8.4., 12.–15.4., 19.–22.4., 26.–29.4., Hamburger Kammerspiele,
Hartungstr. 9–11, Karten unter T. 413 34 40