Hamburg

Gewalt statt Gefühl im Malersaal

Katie Mitchells Uraufführung von Martin Crimps „Schlafende Männer“ zeigt einen abgründigen Horror, der ins Leere läuft

Hamburg.  Gediegen geschmackvolle Bürgerwohnung, Mid Century Möbel, gedimmtes Licht. Ein Paar in mittleren Jahren zickt sich an. Ein junges Paar kommt überraschend des Nachts zu Besuch. Vielleicht gibt es später Weißwein und Häppchen. Katie Mitchells Uraufführung von „Schlafende Männer“ des britischen Erfolgsautors Martin Crimp im Malersaal des Schauspielhauses beginnt vielversprechend. Willkommen in der Paarhölle in bester Manier von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

Mit dem Unterschied, dass hier die Paare schon zu Beginn am Bodensatz ihrer Gefühle angekommen sind. Kunsthistorikerin Julia, bei Julia Wieninger eine Furie mit wenig Aggressionshemmung, macht den unterwürfigen Musikproduzenten Paul (Paul Herwig) routiniert ritualhaft rund. „Du liebst mich nicht, also schlägst du mich nicht“, lautet nur eine ihrer abgeschossenen Nadelspitzen.

Um das jüngere Paar steht es keinesfalls besser. Josefine (Josefine Israel) ist Julias drogen- und sexaffine Assistentin, ihr Freund Tilman (Tilman Strauß) ein notorisch tiefstapelnder Möbelbauer. Die Sätze, die sie abfeuern, zielen in ihrer Demütigung auf Überraschungseffekte und provozieren einige Verzweiflungslacher. Doch dabei bleibt es auch. Katie Mitchell hat offenbar kein Interesse an der Dekonstruktion bürgerlicher Fassaden. Mit gewohnt hoher Präzision führt sie ihren Realismus vor. An diesem Abend legt sie den abgründigen Horror einer Gesellschaft offen, die längst in einzelne Egos zerfallen ist. Entsprechend dominieren eisige Kälte, pure Verachtung und die Lust am Schlagen und Geschlagenwerden. Die Frauen mögen sich nicht, sie teilen aber die vollständige Unterwerfung unter Karriereziele in einer verrohten Gesellschaft.

Unheimlich dräuende Musik kündigt eine Tragödie an. Mitchell friert Szenen im Dämmerlicht ein, und die Akteure bewegen sich in Zeitlupe. Das Unheil lässt sich nicht aufhalten. Im letzten Drittel verliert sich das Stück, dessen Entwicklung von unten nach ganz unten steuert, dennoch im Nirgendwo, um allzu vorhersehbar in einer Bluttat zu enden. Es sind die intensiv aufspielenden Darsteller unter Mitchells gnadenlos zurückhaltender Kälte, die dem Stoff Lebendigkeit verleihen.

Erfolgsautor Martin Crimp („Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“) hat sich nach eigenen Worten von einer Bildserie der österreichischen Malerin Maria Lassnig (1919–2014) inspirieren lassen, die 2013 eine große Ausstellung in den Deichtorhallen hatte. Sie zeigt Paare in Szenen von Verführung und Zärtlichkeit. Auch ein Gemälde mit dem Titel „Schlafende Männer“ (2006) ist darunter. Die abwesenden Frauen, die Männer, die die Gesellschaft ihresgleichen jener der Frauen vorziehen und entspannt ihren Gedanken nachhängen, all das wirft Fragen auf. Was geschieht nach den Gewaltritualen im Spiel der Balz? Diesen Gedanken wollte Crimp offenbar auf die Spitze treiben. Er tut es mit gewohnter Lust an Sprachkunst und gebrochener Erzählung. Der Versuch ist nicht ohne Reiz, nur führt er am Ende mit der Erkenntnis „Liebe ist kälter als das Kapital“ ins Leere.

„Schlafende Männer“ nächste Vorstellungen 19.3., 26.3., 3.4., 4.4., jew. 20.00, Malersaal im Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de