Kultur

Zehn Finger und kein Halleluja

Unfehlbar sind bekanntlich nur Musikkritiker, Gott und der Papst, in dieser Reihenfolge; alles andere ist relativ. Deswegen ist es auch unmöglich, bis aufs letzte 128tel-Nötchen festzulegen, welches Klavierstück für nicht mehr als zehn Finger mit nicht mehr als zehn Fingern unmachbar ist. Oft muss man nur genug wollen, dann kann man auch, früher oder später. Allermeistens aber später. „Die Hammerklaviersonate wird leichter, wenn man sie nicht spielt“, hat Daniel Barenboim über Beethovens op. 106 gesagt; und obwohl dieses Stück jahrhundertelang als absolute Schmerzgrenze für Pianisten galt, lassen neuerdings auch höchstbegabte Tasten-Teenager nicht mehr die Finger davon. Längst nicht jeder Versuch endet unfallfrei.

Godowskys Studien über Chopin-Etüden, vieles von Liszt, Ravels „Gaspard de la nuit“, die Knöchelbrecher von Charles-Valentin Alkan, die teuflischen Etüden von Ligeti, Rzewskis „The Peo­ple United“… Es gibt unzählige Notenberge, an denen man bei Konzerten höllisch abstürzen kann. 2004 schrieb der US-Amerikaner Michael Gordon „Sonatra“: 15 Minuten Wahnsinn, ein Perpetuum mobile aus Noten, das sich zu einem Sturzbach aus Glissando steigert. Jetzt hat die Pianistin Vicky Chow es gewagt, „Sonatra“ auf CD einzuspielen, und das sogar in zwei Versionen: In der für unsereins normal klingenden gleichstufigen Stimmung und in der leicht verrückten reinen Stimmung, die dem Ganzen ein wunderbar irres Flimmern verleiht. Danach, jede Wette, musste der Flügel in die Reha, und Chows zehn Finger, bis hinauf zu den Schultern, in die Eistonne.

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