Hamburg

„Winterreise“ mit Zeichentrick-Beigabe

Intensiv: Matthias Goerneund Markus Hinterhäuser in der Elbphilharmonie

Hamburg.  Matthias Goernes geschmeidig leidender, ausdruckswacher Bariton, am Klavier mit eleganter, manchmal leicht verstolperter Dezenz begleitet von Markus Hinterhäuser, und hinter ihnen eine große Stellwand als Projektionsfläche für die Zeichentrickfilme des Künstlers William Kentridge. So das Setting für die „Winterreise“ in der Elbphilharmonie. 24 „schauerliche Lieder“, ein Kreis-Lauf ins Leere, Verzweifelte. Fragmente eines Loser-Lebens, das am Ende müde austrudelt. Schuberts Liedzyklus, in dem ein Einzelschicksal so gut sichtbar verschlüsselt und entlarvend verhüllt ist, spulte sich als Bilderrätsel ab. Die örtlichen Gefrierfach-Temperaturen waren ein Zufalls-Bonus für alle Elbphilharmonie-Gäste, doch auch ohne das derzeitige Wetter bot die um eine Erzähl- und Verwandlungsebene erweiterte „Winterreise“ eine enorm eindringliche Konzert-Erfahrung im Großen Saal, der diese radikal inszenierte Recital-Intimität zu bewältigen hatte.

Kentridges virtuos unbeholfene Visionen, skizzenhaft dahingeworfen, holten die Musik aus ihrer Zeitlosigkeit in die Nähe unserer Welt, mit zitierenden Symbol-Anspielungen auf Krähe, Lindenbaum, Brunnen oder den stumm leidenden, orientierungslos dahinwandernden Jedermann, von dem hier berichtet wird. Die gefrorenen Tränen, von denen Schubert ihn schon früh singen lässt, fielen als sanfte Schicksalsschlieren über die Leinwand. Hinterhäuser und Goerne, vollständig gleichberechtigt in der Umsetzung der Noten, vertonten all diese Bilder nicht unmittelbar dienstleistend, sie spielten eigenwillig neben ihnen her. Stellenweise entstanden dadurch obskure Reibungsflächen, das fantasierende Kopfkino eines Schubert-Liederabends wurde überblendet; als Beobachter musste man sich entscheiden, wem man mehr Aufmerksamkeit oder Glauben schenken mochte, der bekannten Musik oder den unbekannten Illus­trationen. Das alles war anstrengend und heikel schmerzhaft, und genau das war ja wohl die Absicht.