Hamburg

Gainsborough erstmals in Deutschland

Die Kunsthalle widmet dem englischen Maler eine große Schau mit 80 Werken. Ein Interview mit Direktor Christoph Martin Vogtherr

Hamburg.  Noch nie hat es in Deutschland eine große Ausstellung mit Werken des berühmten englischen Malers Thomas Gainsborough (1727–1788) gegeben. Dank der langjährigen Kontakte des neuen Direktors Christoph Martin Vogtherr nach England wird sie nun in der Hamburger Kunsthalle eröffnet. Der Chef, der sich als Kunsthistoriker auf das 18. Jahrhundert spezialisiert hat, kuratiert selbst: Seine Schau „Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft“ wird am 2. März eröffnet. Im Gespräch erzählt Vogtherr von seiner Leidenschaft für den Maler, für seine Zeit und das neue Männerbild, das damals entstand.

Sie haben lange in England gelebt, der Heimat des von Ihnen so verehrten Thomas Gainsborough. Was ist das für ein Gefühl, jetzt 80 Bilder von ihm in Hamburg aufzuhängen?

Christoph Martin Vogtherr: Es ist sehr aufregend, eine Ehre und Freude, Gainsboroughs Landschaften auf eine neue Weise präsentieren zu können. Wir sind in der Kunsthalle so stark in der Landschaftsmalerei, dass wir einen wunderbaren Rahmen bieten und die relevanten Fragen stellen können. Gainsborough hat sich intensiv mit niederländischer Malerei beschäftigt und die haben wir hier in der Sammlung.

Haben Sie eine Vermutung, warum Gainsborough in Deutschland bislang nie groß ausgestellt wurde?

Das ist mir ein echtes Rätsel. Gainsborough war in Deutschland immer sehr beliebt, und es gibt eine sehr ernsthafte Gainsborough-Forschung. Fast sein gesamtes Werk befindet sich in Großbritannien und den USA. Man kann eine solche Ausstellung nur machen, wenn man die englischen Kollegen gut kennt.

Seine Landschaften konnte er zu Lebzeiten kaum verkaufen. Warum?

In England herrschte die Meinung vor, für Historienmalerei und Landschaften habe man die alten Meister. Zeitgenössische Künstler des 18. Jahrhunderts wie Gainsborough und Reynolds lebten hauptsächlich von Porträts.

Gainsborough malte meist die Schönen und Reichen. Warum gilt er auch als schonungsloser Beobachter?

Das 18. Jahrhundert war eine Zeit, in der Menschen ihr eigenes Bild kreierten und kontrollierten. Besonders interessant wurde es, wenn Gainsborough Frauen malte. Selbstständige und eigenständige Frauen, denen er half, sich darzustellen. Die Schauspielerin Perdita Robinson etwa, die der Prince of Wales als seine Geliebte abserviert hatte, ließ sich von Gainsborough als verlassene Unschuld malen und drohte dem Prinzen, das skandalöse Bild auszustellen. Sie haben sich schnell geeinigt. Ein Bild konnte also Sprengkraft haben.

In jener Zeit wuchs auch bei Männern ein anderes Rollenverständnis.

Die große Umwälzung im Männerbild bewirkte damals der Begriff der Empfindsamkeit. Das bedeutete, dass zum Mannsein gehörte, Musik zu mögen, spazieren zu gehen, seine Gefühle zuzulassen, leidenschaftliche Briefe zu schreiben und sich als Persönlichkeit aus der Schale zu befreien. Das stellt Gainsborough dar. Wir zeigen zum Beispiel das Bild dreier Freunde, die sich in der Natur darstellen lassen. Sie ruhen sich aus und unterhalten sich, der eine hat seine Flöte dabei - das neue Ideal. Es entspricht einer neuen Form der Männlichkeit, die wir heute noch versuchen zu erreichen, sie geht also auf das 18. Jahrhundert zurück.

Warum wollten Sie den Maler nicht in seiner ganzen Breite präsentieren?

Was seine Modernität angeht, sind die Landschaften viel zentraler als seine Porträts. Landschaften zu malen, war seine Privatsache. Da konnte er genau das machen, was ihn gerade interessierte. Manches ist ein Vorgriff auf die Romantik: Figuren, die die Landschaft betrachten, werden in der Romantik ein zentrales Thema.

Warum mögen Sie diese Zeit so?

Das 18. Jahrhundert war eine sehr internationale Zeit, jedenfalls in der höheren und in der Mittelschicht. Es herrschte eine große Respektlosigkeit und das stete Bemühen, Dinge zu verstehen und Fragen zu stellen, die vorher nicht erlaubt waren. Außerdem wurde sehr viel mit Ironie gearbeitet.

Das 18. Jahrhundert war ungerecht und dekadent, aber es wurde oft auf eine Art gelebt, die den Geist beflügelt ...

Ich finde, dass man auch bei Gainsborough ein Gefühl des sehr genauen Wahrnehmens bemerkt. Man darf die Zeit nicht romantisieren. Sie hatte Konflikte, die wir heute gut verstehen können. Es war die Zeit der Aufklärung und Neugierde, aber auch die Hoch-Zeit der Sklaverei. Ähnlich wie heute also, eine Zeit voller Widersprüche.

Warum war Gainsborough ein moderner Künstler? Was bedeutet modern?

Diese Frage ist einer der Gründe, warum ich nach Hamburg gegangen bin, denn die Kunsthalle hat eine sehr interessante Tradition, diese Frage zu stellen, zum Beispiel durch ihren früheren Direktor Werner Hofmann. Moderne ist nicht, wenn Picasso plötzlich kubistisch malt, sondern Moderne ist eine Haltung. Eine Form von Zweifel, Ungewissheit und Unbehaustheit, die wir alle kennen. Moderne bedeutet nicht Fortschritt. Man erinnere sich daran, dass das 20. Jahrhundert das der größten Massenmorde in der Geschichte der Menschheit war.

Worum geht es also?

Darum, wie sich der Mensch und Künstler in einer neuen Welt einrichtet, die viele Gewissheiten verloren hat. Eine Welt, in der viele nicht mehr wissen, wo sie hingehören.

War Gainsborough Heimatkünstler?

Er war extrem verwurzelt und ist kaum gereist. Er kannte internationale Kunst aus englischen Sammlungen. Er war lokal, aber nicht provinziell.

Was wollte er mit seiner intensiven Hinwendung zur Natur?

Berufsbedingt konnte er nur in der Stadt leben. Wie die meisten Porträtmaler hatte er es satt, ständig mit Leuten zu tun zu haben, die sich für extrem wichtig hielten. Für ihn bedeutete, Landschaften zu malen, Freiheit. Das war typisch für das 18. Jahrhundert, denn damals interessierte man sich plötzlich für Natürlichkeit. Die Natur wurde zu einer Projektionsfläche für Emotionen.

Technische Neuerungen beeinflussten die Kunst. Interessierte ihn so etwas?

Ja. Neues probierte er in seinen Landschaften aus, weil er sich dafür die Freiheit nehmen konnte. Er malte auf Glas, benutzte Pigmente, experimentierte mit Milch oder mischte feine Glasscherben in die Farben, damit sie leuchtender wurden.

Ihr Liebling in der Ausstellung?

Das Bild im Zentrum des letzten Raumes: „Die Tränke“. Das zelebrieren wir besonders. Es ist ein ganz besonderes Gemälde, in dem er sich mit Rubens auseinandersetzt und misst. Außerdem „Holywells Park“. Ein frühes Bild, eine simple Ansicht. Unglaublich, was er für einen atmosphärischen Ort daraus gemacht hat.

„Thomas Gainsborough – Die moderne Landschaft“ Kunsthalle, Glockengießerwall, Di–So 10.00–18.00, Do bis 21.00,
Eintritt 14,-/8,-; Ausstellungsdauer:
2.3. bis 27.5.