Hamburg

"Die deutsche Fassung ist besser als das Original"

"Feuer und Zorn" steht an der Spitze der Bestsellerliste – in Deutschland haben gleich sieben Übersetzer parallel an dem Werk gearbeitet

Hamburg.  Schon in den USA brach "Feuer und Zorn", das Enthüllungsbuch des amerikanischen Journalisten Michael Wolff über US-Präsident Donald Trump, alle Verkaufsrekorde. In Deutschland ist es nun direkt auf Platz 1 der Bestsellerliste eingestiegen. Mehr als 200 Interviews führte Wolff dafür mit Trumps engsten Mitarbeitern, heute ist der 64-Jährige mit seinem Werk auf Kampnagel zu Gast und spricht dort mit "Zeit"-Herausgeber Josef Joffe über den Zustand der amerikanischen Politik. Gleich sieben Übersetzer – Isabel Bogdan, Thomas Gunkel, Dirk van Gunsteren, Gregor Hens, Werner Schmitz, Jan Schönherr und Nikolaus Stingl – haben "Feuer und Zorn" für den Rowohlt Verlag innerhalb kürzester Zeit aus dem Englischen übertragen, um das Buch möglichst rasch nach Erscheinen des Originals auch auf den deutschen Buchmarkt bringen zu können. Wir haben einen von ihnen, Thomas Gunkel, gefragt, wie das Übersetzen in der Gruppe eigentlich funktioniert.

Sie haben "Feuer und Zorn" zu siebt übersetzt – wie muss man sich das vorstellen?

Thomas Gunkel: Wir hatten nur zweieinhalb Wochen Zeit für die Übersetzung, das war sehr wenig. Die meisten von uns haben vier Kapitel übersetzt, Gregor Hens und Isabel Bogdan, die am Schluss noch dazustießen, entsprechend weniger. Als ich meine Zusage gab, hatte ich nur einen Teil des Buches gelesen. Wenn ich mit der täglichen Übersetzungsarbeit fertig war, habe ich am Rest des Buches weitergelesen.

Aber wie funktioniert das? Trifft man sich auf halber Strecke mal? Mailt man jeden Tag Passagen hin und her? Glättet einer am Schluss das Gesamte?

Wir haben uns nicht getroffen, das war bei der Kürze der Zeit undenkbar, ist aber auch gar nicht nötig. Passagen hin und her schicken war aus dem selben Grund wenig sinnvoll. Dafür haben wir eine allen zugängliche Liste eingerichtet, auf der wir vermerkten, wie wir Schlüsselbegriffe übersetzt hatten. Eine Hierarchie innerhalb der Übersetzergruppe gab es nicht. Ganz wichtig war natürlich das Lektorat von Kristian Wachinger, der stilistische Unterschiede angleichen und das Ganze in Windeseile durchgehen musste.

Sie haben mit einigen der Kollegen schon früher gemeinsam übersetzt – hilft das? Hat man dann so eine Art gemeinsamen Ton?

Werner Schmitz, Nikolaus Stingl und ich haben schon bei dem Roman "4321" von Paul Auster zusammengearbeitet. Da hatten wir mehr Zeit, und die Zusammenarbeit war viel intensiver als diesmal. Natürlich hilft das, aber einen gemeinsamen Ton hat man dennoch nicht. Wir sind ja alle gestandene Übersetzer, und da sind die Qualitätsunterschiede nicht so groß, um zum Problem zu werden.

Wie oft kommt es denn vor, dass man im Team übersetzt? Ist dieser Fall eher eine Ausnahme?

Ich habe das jetzt zum dritten Mal gemacht und kann sagen, dass die Erfahrungen gut waren. Aber ideal ist es natürlich nicht, ein Buch mit mehreren Leuten zu übersetzen. Es sollte die Ausnahme bleiben.

Es sind ja einige hübsche Beleidigungen im Buch. US-Außenminister Rex Tillerson hat den Präsidenten zum Beispiel "fucking ­moron" genannt – wie haben Sie das übersetzt?

Aus Tillersons "fucking moron" ist ein "verfluchter Trottel" geworden, allerdings nicht von mir übersetzt. Am "schönsten" in meinem Abschnitt ist die Stelle, wo Trump die Moderatorin Mika Brzezinski als "low I.Q. crazy ­Mika" bezeichnet. Daraus wurde "grenzdebile, verrückte Mika".

Wo sonst lagen die übersetzerischen ­Herausforderungen?

Das Buch ist lässig formuliert, mitunter zu lässig. Anders gesagt: Man musste den Autor immer mal wieder verbessern und stilistisch aufpeppen. Michael Wolff ist halt kein Paul Auster. Deshalb bin ich der Meinung, die deutsche Fassung ist besser als das Original.

Wird man eigentlich besser bezahlt, wenn man so unter Zeitdruck übersetzen muss?

Ja, die Bezahlung ist etwas besser als normalerweise. Und bei der Auflagenhöhe springt vermutlich auch der eine oder andere Euro mehr heraus.

Kaum ein Polit-Buch hat sich je so reißend verkauft wie dieses – können Sie sich erklären, warum?

Letztendlich ist es ein Klatsch- und Tratschbuch, das alle Befürchtungen weit übertrifft, die man sich vom Weißen Haus unter Trump gemacht hat. Und Michael Wolff versteht es zuzuspitzen, das spricht wohl unsere Sensationslust an.

Michael Wolff ist heute zu Gast in Hamburg: Di 27.2., 20.30, Kampnagel (K6), Jarrestr. 20-24 (Bus 172/173), ein Gespräch in eng­lischer Sprache mit Lesung von Textpassagen aus "Feuer und Zorn" auf Deutsch, Karten 15,-/ ermäßigt 9,- Euro

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.