Hamburg

Legendäre Bilder aus der Kiez-Kneipe

Von 1967 bis 1970 fotografierte Anders Petersen im Café Lehmitz am Zeughausmarkt. Jetzt sind seine Arbeiten in Hamburg zu sehen

Hamburg.  Eigentlich sollte Anders Petersen anständig Deutsch lernen, als seine Eltern ihn von Schweden nach Hamburg schickten. Doch der 17-Jährige trieb sich stattdessen bis zum Morgengrauen in einer Kneipe in der Seilerstraße herum und schaute den Nacht­vögeln, den Gestrandeten, den Huren und Hafenarbeitern dabei zu, wie sie sich amüsierten, stritten und irgendwann betrunken in die kalte Nacht torkelten. Deutsch lernte er dabei auch, aber noch mehr lernte er über Menschen. Es gefiel ihm, dieses antibürgerliche, scheinbar völlig freie, auch haltlose Leben, die Orientierungslosigkeit vieler Kiezschwalben und die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Aufmerksamkeit.

Durch eine Freundin namens Gertrud kam er dann zum ersten Mal ins Café Lehmitz, eine Stehbierhalle am Zeughausmarkt. Dorthin kehrte er mit Anfang 20 zurück, eine „billige Scheiß-Kamera“ (so nennt sie Anders Petersen) in der Tasche. Er wollte diesen schrägen Vögeln, zwischen denen er sich mit 17 so wohlgefühlt hatte, wieder nahekommen, und dann wollte er sie fotografieren, denn er suchte nach „etwas Wesentlichem“.

Anders Petersen hat auch im Gefängnis fotografiert

Was er dann zwischen 1967 und 1970 im Lehmitz festhielt, sollte ihn später berühmt machen, so berühmt, dass der Melancholiker Tom Waits das Cover seiner Platte „Rain Dogs“ mit einem dieser grundehrlichen Milieu-Fotos zierte. Sicherlich ist es auch programmatisch zu sehen, dass die Freelens Galerie des gleichnamigen Vereins professioneller freier Fotografen die legendären Hamburger Kiezkneipen-Fotos von Anders Petersen für ihre Eröffnungsausstellung ausgesucht hat.

Zurück zu den Wurzeln geht diese Ausstellung, zurück zu direkter Fotografie ohne technischen Schnickschnack oder verkopfte Konzepte. Freelens ist jetzt am Großneumarkt zu finden und nicht mehr am Steinhöft. Zusätzlich zu den Bildern hängen die vergrößerten Kontaktbögen des damals blutjungen Schweden an den Wänden.

Am Eröffnungsabend sitzt der 74 Jahre alte Fotograf im hinteren Galerieteil und erinnert sich: „Ich sah all diese sehr armen, einsamen, frustrierten Leute, aber ich spürte auch, dass sie ein goldenes Herz hatten!“ Seinen offenen Blick von damals, seine warme Art hat Petersen behalten, und diese offenen runden Augen haben ihm, dem armen jungen Schweden, damals auch diverse Nachtlager verschafft, zum Beispiel bei „Zigeuner-Uschi“ auf der Küchencouch.

Dabei hatte es nicht so gut angefangen. Petersen, mittlerweile Anfang 20, vermisste nach drei Bier und ein paar Tänzchen im Café Lehmitz seine Kamera und sah sie nach einiger Zeit über den Köpfen der Tanzenden durch die Luft fliegen. „Die Leute fotografierten sich gegenseitig und warfen sie sich zu.“ Das gefiel ihm, und dann fing er selbst an, damit zu fotografieren. Zweieinhalb Jahre lang kam Petersen ins Lehmitz. Drei Jahre hielt er sich später in einem schwedischen Gefängnis auf, zwei in einem Altenheim. So arbeit Petersen: nichts übereilen, genau hinspüren.

Die Gäste im Lehmitz wurden zu seiner zweiten Familie. Weil er dazugehörte, kam er ihnen so nahe, dass, wäre er ein Voyeur, seine Fotos peinlich berühren würden. So aber hat er, der sich selbst als Außenseiter wahrgenommen hat, die menschliche Komödie jenseits der bürgerlichen Gesellschaft festgehalten, die stets nah an der Tragödie über die Bühne geht. Männer, die Geborgenheit suchen, Frauen, die gefallen oder vergessen möchten, Menschen, die sich aufs Maul und übers Ohr hauen oder füreinander da sind, vorurteilslos. Mit Falten und Zahnlücken, verwischter Schminke und durchgeschwitztem Hemd. Derangiert vom Leben, aber immer noch dabei, trotz allem.

Grundehrliche Bilder.