Hamburg

Herzhafter Sibelius, hochtouriger Bruckner

Robin Ticciati mit dem Deutschen Sinfonie Orchester Berlin und Geiger Christian Tetzlaff in der Elbphilharmonie

Hamburg.  Statistisch gesehen, könnte Robin Ticciati für einen übernächsten Hamburger Chefdirigentenposten genau der Richtige sein. Denn sowohl Ingo Metzmacher als auch Kent Nagano waren, wie der junge Brite seit wenigen Monaten, als Chefdirigent des DSO Berlin tätig. Jetzt aber sind der aktuelle Chef und das Orchester mitten in den Flitterwochen; der erste Abenteuer-Ausflug brachte auch einen Tournee-Termin im Großen Saal der Elbphilharmonie mit sich. Und Ticciati nutzte die Gelegenheit zum Auswärts-Auftrumpfen mit einem Programm, das seine Ecken und Kanten hatte, bevor der Hauptteil des Abends mit rasantem Bausch und großen Bögen abräumte.

Zum Warmwerden begann der Abend mit „Chorale“, einer 2002 komponierten Fingerübung des Finnen Magnus Lindberg, in der Bachs Choral „Es ist genug“ stellenweise durchschimmerte wie eine Grundfarbe in einem dieser Schlieren-Panoramen von Gerhard Richter, um dann im Verfremdungsnebel wieder abzutauchen. Die ursprüngliche Hintergedanken-Klammer von Bach zu Bergs frühen Sieben Liedern hatte es nicht aus dem Berliner Abo-Programm bis nach Hamburg geschafft; stattdessen spielte Christian Tetzlaff das Sibelius-Violinkonzert, einen anderen Finnen also. Obwohl: Spielen wäre nicht die angemessenste Umschreibung für die herzhaft ruppige Umarmung des klarkantigen Solo-Parts. Wo die Intonation ins Ungefähre abdriftete, übernahm die Intensität die Bogenführung. An einem auf verbindliche Schönheit abzielendes Gefallenwollen ist Tetzlaff offenkundig nicht mehr inter­essiert. Reizvoller Kontrast, dieses Gegeneinander im straff durchgezogenen Miteinander von Solist und Begleitorchester.

Der Kopfsatz ging gleich frontal ins Volle

Aber dann: Bruckner sechs. Nicht dessen beliebteste, nicht die längste. Und kaum wiederzuerkennen, so vehement und flottforsch, wie Ticciati sie hier von der Kette ließ. Da gab es kein Halten mehr, weder tief gründelndes Grübeln noch überandächtige Ehrfurcht, das Maestoso des Kopfsatzes ging gleich frontal ins Volle, die Kontrabass-Abteilung war kurz vor fröhlichem Headbangen. Ticciati sorgte mit sicherer Hand dafür, dass die Instrumentengruppen sich dabei nicht im Weg standen. Feine Holzbläser, saftig pralles Blech, die hohen Streicher scharf und schnittig. Kein Bruckner, bei dem man sich versonnen ins Transzendente zurücklehnen konnte, um über letzte Dinge zu philosophieren, sondern einer, der hochtourig mitten im prallen Leben stand. Toll, und jederzeit gern mehr davon.

Aktuelle Ticciati-CDs: Debussy „La Mer“ u. a. DSO, Kozena (Linn). Im März erscheinen die Brahms-Sinfonien mit dem Scottish Chamber Orchestra (Linn)