Hamburg

Eine Premiere im XXL-Format

Ex-Volksbühnen-Chef Frank Castorf inszeniert am Schauspielhaus „Der haarige Affe“ von Eugene O’Neill

Hamburg.  Es gibt dieses hübsche YouTube-Video mit Frank Castorf, vor Weihnachten im Schauspielhaus gedreht. „Konzeptions­gespräch“ wurde es genannt, obwohl nur einer spricht, knapp 60 Minuten und mit sehr wenig Pausen. Ein großartiges Zeitdokument, dieses Video. Über Ware und Welt, Moral, Marx und Rimbaud und Nietzsche, über Literatur, Theater, Gesellschaftstheorien und ­alles halbwegs Mögliche, was man sonst noch in nur einen einzigen Theaterabend reinschaufeln kann. Stundenlang, da es sein muss, bis tief in die Nacht, wenn man Frank Castorf ist und so tickt wie Frank Castorf. „Ich bin Fabrikarbeiter, ich stelle Produkte her“, wird er Wochen später sagen, in einer Ecke der Schauspielhaus-Kantine, diesmal nur vor einem Ein-Personen-Publikum. „Ich bin ein Service-Unternehmen, ich bediene Schauspieler.“

Seit Ende seiner anno 1992 begonnenen Volksbühnen-Ära – unfreiwillig abgelöst wurde er im Sommer 2017 ausgerechnet von einem Museumsdirektor – ist der 66 Jahre alte Ex-Intendant Castorf, längst lebend legendär, auf hohem Niveau künstlerisch heimatlos, wie er gern witzelt, aber als Regisseur ist er alles andere als ungefragt. 66 ist ja auch kein Alter für Theatergötter. „Für nach 2025 können Sie mir gern ein ­Angebot machen“, wird er jovial vor dem Ende unseres einstündigen Fast-Monologs in der Schauspielhaus-Kantine einstreuen.

An diesem Sonnabend ist erst mal Schauspielhaus-Premiere in Hamburg. Gegeben wird Eugene O’Neills Gesellschaftsdrama „Der haarige ­Affe“, doch das ist gerade mal die erste Verfügungsmasse; Thesen-Ton, aus dem Castorf in den letzten Wochen die nächste Publikumsstrapaze formte, wie Gott seinerzeit Adam. Denn weil er es kann, hat Castorf gleich zwei weitere O’Neill-Dramen mitverknetet, „Kaiser Jones“ und „Der große Gott Brown“. Stücke über das Oben und das Unten, über Schwarz und Weiß und die Grautöne. „Diese Stücke sind wie ein Spiegelbild“, sagt Castorf. „Er lässt alles einfließen, was an Kunst da ist, weg von der Zentralper­spektive zur Subjektivität, zur modernen Malerei. ­Alles ist wie eine Partitur geschrieben.“ Und wo fremdsprachige Opern Übertitel haben, könnte ein Castorf-Abend Fußnoten mit Literatur­angaben vertragen.

Was nicht passt, wird von Castorf in gewohnt epischer Breite und auf Überlänge passend gemacht, in einem klassischen Castorf-Bühnenbild von Aleksandar Denic, mit Everybody’s Darling Charlie Hübner in der Hauptrolle des prallen Proleten Yank. Zwei Etagen, viele Bedeutungsebenen, und natürlich die Videoleinwand für die Spielszenen außerhalb der Sichtbarkeit. Um und bei fünf Stunden sollen es jetzt werden, „ach, das ist kurz“, findet Castorf, „ein Quickie, wie man früher sagte, als man das noch sagen durfte.“ Weniger könnte er garantiert, aber will er nun mal nicht. „Bei mir ist es methodisch ganz einfach: Ich lese einen Stoff und merke, das reicht nicht. Bei mir gibt’s nur Maßanzüge.“ Aber diese überbordende Flut aus Kontext, Subtext, Meta-Ebenen, die ganzen Kreuz- und Querverweise? „Alles noch zu wenig!“, entgegnet er energisch, „dann erst kommen Sie an die Tiefenstrukturen heran! Mit dem furchtbaren, pietistischen, protestantischen Kopf können Sie nicht mehr reagieren. Sie müssen sich etwas übergeben!“ Und außerdem: „Wir sind in einem Zustand, mit dem wir die Kunstfreiheit gefährden, durch Dummheit und Borniertheit als Klasseninteresse.“

Kurz vor Schluss seines Video-Monologs hatte Castorf die bis dahin stumm nehmende Probengemeinde im Off gefragt, ob jemand mal einen Burnout hatte. Kann er ja mal ausprobieren, antwortet der Schauspieler Josef Ostendorf, während Castorf kaschmirsanft in sich hineinfeixt, amüsiert über die Vorstellung, eine Vorstellung von sich und für andere womöglich nicht hinbekommen zu können. Und man muss unwillkürlich an die rätselhaften Krokodile denken, mit denen Castorf bei seinem Bayreuther „Ring“ die Berlin-Alexanderplatz-Bühne im „Siegfried“ dekoriert hatte. Bissiges aus dem Ost-Untergrund, das liegt da so herum, das ­Ur-Viech, bis es zuschnappt oder auch nicht, oder gleich mehrfach. Die ­Tagesform entscheidet.

Für eine Theaterinstanz wie Castorf sind diese Tage keine einfachen, vorsichtig ausgedrückt. Erklärungs­bedarf, Rechtfertigungsbedarf, Korrekturbedarf. Die MeToo-Debatte, Harvey Weinstein und die Albtraumfabrik Hollywood, Dieter Wedel, die Vorwürfe an Matthias Hartmann aus dem Ensemble des Wiener Burgtheaters wegen angeblicher Übergriffigkeiten. Schauspieler und noch mehr Schauspielerinnen wehren sich, Theatergötterdämmerung liegt in der Kantinen-Luft wie lange nicht. „Die Zeit der Chauvi-Chefs ist hoffentlich bald vorbei“, schrieb die „Süddeutsche“ neulich, die „NZZ“ fand: „Theater ist ein totalitäres und kein demokratisches System“, die „Zeit“ urteilte: „Die meisten Intendanten machen von ihrer Macht weidlich Gebrauch, und zwar mit erkennbarer Lust.“ Unter den Intendanten und Regisseuren, denen man ein übergroßes Ego nachsagt, gilt Castorf seit vielen Jahren als einer der Bestbestückten, und seine Proben – eine hermetisch von innen abgeschlossene Gesellschaft – soll man nicht ständig mit einem Streichelzoo verwechseln können, vorsichtig ausgedrückt. „Wenn es noch peinlicher ist als peinlich, dann entsteht Kunst“, hatte er in dem Video verkündet. „Das muss man bloß aushalten.“

Castorf hat selbstverständlich eine Meinung zu der aktuellen Debatte um Macht und Missbrauch, eine klare, deutliche; eine Haltung, die unmissverständlich ist, aber auch kontrovers verstanden werden kann. Wir sprachen über die Sucht von Regisseuren und Ensem­bles aufeinander, über Hierarchien und auch über das Sprichwort „Wer schreit, hat unrecht“. Doch Castorf wollte all diese Zitate, die ihm zur Autorisierung vorlagen, am Ende dann doch nicht freigeben. ­Vorangegangen war ein mehrtägiges Hin und Her, zunächst mit Castorfs Dramaturg, danach mit ihm selbst. Die vorletzte Meinung, von der Schauspielhaus-Pressestelle übermittelt: gar kein grünes Licht, für nichts. Die letzte Ansage war ein Kompromissvorschlag: O-Töne über den „Haarigen Affen“, das ginge.

Die Tagesform entscheidet.