Hamburg

Tangerine Dream: Klangreise in der Elbphilharmonie

Die Vordenker des Ambient-Sounds gaben ein 140-Minuten-Konzert

Hamburg. Ein bisschen nervös ist Bianca Froese-Acquaye schon, als sie um kurz nach halb neun auf der Bühne des Großen Saals steht und das Konzert von Tangerine Dream ansagt. Das Konzert der Band, die ihr 2015 verstorbener Mann Edgar Froese vor mehr als 50 Jahre gegründet hat und die nun, nach seinem Tod, weiterbesteht. Kann ja auch durchaus einschüchternd sein, dieses Konzerthaus, in dem sich beweisen muss, ob die Electronic-Pioniere von einst immer noch etwas zu sagen haben. Und ob sie ein Publikum auch live immer noch für sich gewinnen können.

Mit „Mothers Of Rain“ vom 88er-Album „Optical Race“ wird losgepluckert. Thorsten Quaeschning, bereits zu Froeses Lebzeiten zum „Musical Director“ der Band befördert, bedient den linken Synthie und wechselt gelegentlich zur E-Gitarre, Ulrich Schnauss kümmert sich um den rechten und die Laptops, Hoshiko Yamane spielt Violine. Auf einer großen Leinwand ziehen währenddessen mal Hochhäuser, mal Einsen und Nullen vorbei. Ganz nett, aber nicht spektakulär, da lassen sich prima die Augen schließen, um im Mahlstrom der auf- und abebbenden Klangwellen zu versinken.

Anfang der Siebziger war Tangerine Dream Avantgarde, schuf mit Alben wie „Atem“, „Zeit“ oder „Alpha Centauri“ den perfekten Soundtrack für Haschpfeifen-Freaks und LSD-Einwerfer. Heute ist das Trio eher eine Ambient-Institution, eine Band, deren Alben man am besten per High-End-Kopfhörer genießt, um nur ja kein sorgsam ausgeklügeltes Detail zu verpassen.

So richtig alten Stoff gibt es kaum, lediglich das „Sorcerer Theme“ und „Force Majeure“ stammen aus den Siebzigern, dafür sind drei Nummern des zurecht hochgelobten jüngsten Albums „Quantum Gate“ zu hören, das Gros der restlichen Setlist stammt aus den Achtzigern. Die selbst von Hardcore-Fans als Schwächeperiode betrachteten Neunzigerjahre kommen gar nicht vor.

Im Saal wird zufrieden gelauscht, auch wenn manchmal nicht ganz klar ist, ob der aktuelle Track gerade eine Verschnaufpause einlegt und gleich weitergeht oder bereits geklatscht werden kann. Respektvollen Beifall gibt es, als zu „Cloudburst Flight“ Bilder von Edgar Froese auf die Leinwand projiziert werden. Ohne seine Aufforderung, das Bandprojekt fortzuführen, existierte Tangerine Dream nicht mehr. Wie wichtig er immer noch ist, zeigt auch die Tatsache, dass die erste Auflage seiner Biografie „Force Majeure“ kurz nach Veröffentlichung bereits vergriffen war.

Als nach 140 pausenlosen Minuten Schluss ist, applaudiert ein Teil des Publikums stehend, ein anderer ist sichtlich erschöpft. Und Bianca Froese-Acquaye? Die strahlt ob der bestandenen Bewährungsprobe.

Die Biografie Edgar Froese: „Tangerine Dream – Force Majeure“, 402 Seiten, 69,90 Euro, erhältlich: www.tangerinedream-music.com