Hamburg

Kreativer Umgang mit Hamburgs Kolonialgeschichte

Ein neues Projekt vereint Kunst mit Universitäts- und Museumsarbeit. Die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ ist die erste ihrer Art in Europa

Hamburg. Es war vor gut 100 Jahren, als kaiserliche deutsche Soldaten im heutigen Namibia Zehntausende Männer, Frauen und Kinder vom Volk der Herero in die Wüste trieben und dort verhungern ließen. Bis zu 80.000 Menschen fielen der gewaltsamen Eroberung in Deutsch-Südwestafrika zum Opfer. Ihr Land wurde ihnen weggenommen und deutschen Siedlern übergeben. An diesen Eigentumsverhältnissen hat sich bis heute wenig geändert. Auch hat die Bundesrepublik Deutschland den Völkermord bislang nicht anerkannt.

Vor diesem politischen Hintergrund wird derzeit in Hamburg ein dreijähriges interdisziplinäres Forschungsprojekt realisiert, das jetzt im Museum für Völkerkunde vorgestellt wurde. Das Team, das sich dem Genozid auf unterschiedlichen Ebenen nähert, besteht aus Jürgen Zimmerer, Professor an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“, der Historikerin Ulrike Peters und den von Zimmerer eingeladenen namibischen Künstlerinnen Vitjitua Ndjiharine und Nicola Brandt.

Hamburg ist mit seiner Forschungsstelle ganz vorn

Damit ist Hamburg ganz weit vorn, vorausgesetzt, die Forschungsstelle wird künftig angemessen ausgestattet: Die Große Koalition in Berlin, so schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ am Montag, wolle den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit grundlegend reformieren. „Ich meine, dass die Aufarbeitung nicht allein Sache der Politik ist. Auch die Zivilgesellschaften sollten in dieser Sache zusammenarbeiten“, sagt Zimmerer. Die 2014 mit einer halben Stelle eingerichtete Forschungsstelle „Hamburgs (post-) koloniales Erbe“ ist europaweit einmalig. Ihr Leiter Jürgen Zimmerer betreut sie zusätzlich zu seiner Stelle als Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika. „Langfristig ist das aber nicht nebenbei zu schaffen.“ Teilweise besuchen bis zu 400 Menschen die Vorlesungen: „Wir werden vom Erfolg erdrückt.“ Finanziert über Drittmittel, ist das internationale Team dieser Forschungsstelle, das an sechs Projekten arbeitet, auf 15 Mitarbeiter angewachsen. Ob sie erhalten oder sogar aufgestockt wird, ist nicht entschieden. Der Wissenschaftsrat habe der Forschungsstelle „hervorragende Arbeit attestiert“.

Am Museum für Völkerkunde beinhalte das Forschungsprojekt „die Aufarbeitung eines unglaublichen Schatzes“, sagt er. Er meint die Fotos, die Soldaten, Wissenschaftler und Reisende zu jener dramatischen Zeit gemacht haben. Seit gut 90 Jahren lagern sie unerforscht im Archiv des Museums. Dank der Gerda Henkel Stiftung und der Kulturstiftung des Bundes stehen jetzt die Mittel zur Verfügung, damit sich über dieses Projekt „ein dauerhafter Perspektivwechsel vollziehen kann“, so Jürgen Zimmerer.

Museumsdirektorin Barbara Plankensteiner hat seit ihrem Amtsantritt die Archive für externe Forschung geöffnet. Sie geht davon aus, dass das Herero-Projekt an ihrem Haus „in eine Ausstellung mündet“. Ulrike Peters hat rund 1000 Fotos aus den Jahren 1900 bis 1918 gesichtet, meist aufgenommen von deutschen Militärs im heutigen Namibia. 600 Aufnahmen stammen aus der Sammlung Alexander von Hirschfelds, der dort von 1905 bis 1907 Leutnant war. Peters untersucht anhand der Fotografien auch „koloniale Vorstellungen von Männlichkeit und Machtdarstellungen“, sie will nicht nur die Opfer in den Fokus nehmen, sondern den Blick weiten. Auf jene, die die Fotos gemacht haben. Bei den Aufnahmen der Herero interessieren sie vor allem solche, in denen die Gezeigten „als Subjekt und Persönlichkeit“ spürbar sind.

Die beteiligte Künstlerin Vitjitua Ndjiharine ist eine Herero. Durch das Projekt werde sie mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert, sagt sie. Am herrausforderndsten sei es für sie gewesen, zu untersuchen, wie sich der Völkermord auf ihre Kultur ausgewirkt hat, denn sie habe sich nicht mit dem Horror der Vergangenheit konfrontieren wollen. „Mir ging es um eine introspektive Position: Was existiert heute noch von einer Herero-typischen Perspektive auf die Vergangenheit? Das hat mich interessiert.“ Die Kultur in Namibia sei heute noch stark durch den Genozid geprägt. Vitjitua Ndjiharine war glücklich, im Hamburger Archiv authentische fotografische Dokumente für ihre bildstarken Collagen zum Thema zu finden.

Die Künstlerin Nicola Brandt stammt von deutschen Kolonialherren ab. Sie hat gemeinsam mit zwei Herero-Frauen postdokumentarische Videos an historisch bedeutenden Orten gedreht, die sich mit Erinnerung und Verdrängung aufseiten der weißen und schwarzen Eliten ihres Landes befassen, und vor allem mit dem Mangel an Sensibilität im Umgang mit dem Trauma.

Klar ist: Der Völkermord an den Herero ist noch lange nicht überzeugend aufgearbeitet worden.

Podiumsdiskussion „Aufarbeitung des (post-)kolonialen Erbes in Hamburg“ Do 1.3., 20.00–21.30, Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Hörsaal A, unter anderem mit Tobias Bergmann (Handelskammer), Börries von Notz, Millicent Adjei (Arbeitskreis Hamburg Postkolonial) und Jürgen Zimmerer. Eintritt frei