Hamburg

15.500 Besucher bei Lessingtagen

Hochpolitisch und künstlerisch oft gelungen: Das internationale Thalia-Festival ist zu Ende gegangen

Hamburg. Die Lessingtage, das beliebte internationale Thalia-Festival, waren schon immer politisch. Nie zuvor ging es allerdings mit dem von Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing entlehnten Motto so sehr „Um alles in der Welt“ wie in dieser Ausgabe.

15.500 Zuschauer kamen zu den 44 Vorstellungen. Das entspricht einer Auslastung von 86 Prozent. Stolze 30 Vorstellungen waren ausverkauft. Auch in den zahlreichen Diskussionen und Nachgesprächen war der Bedarf des Publikums spürbar, sich anlässlich der künstlerischen Auseinandersetzungen zum Thema „Demokratie und ihre Gefährdung“ auszutauschen. Vergleiche mit dem Vorjahr boten sich übrigens nicht an, weil die Lessingtage da nur verkürzt stattfanden und gegenüber dem Theater-der-Welt-Festival auch bei den Machern in den Hintergrund rückten. Diese Ausgabe, die Chefdramaturgin Julia Lochte maßgeblich gemeinsam mit Intendant Joachim Lux kuratierte, profitierte auch von der internationalen Erfahrung Lochtes. Die Gastspiele boten nicht nur starke Positionen im Hinblick auf das Thema, sie überzeugten auch mit starken ästhetischen Handschriften.

Extrem bewegend war die Eröffnungsrede des im Berliner Exil lebenden ehemaligen „Cumhuriyet“-Chefredakteurs Can Dündar, der eine aktive Demokratie anmahnte. Seine Stimme nur alle vier Jahre an der Wahlurne zu erheben, genügt in Zeiten, in denen soziale Gräben wachsen und auf der anderen Seite Populisten Ängste der Bevölkerung schüren und für ihre Zwecke nutzen, nicht mehr, wie Dündar überzeugend darlegte. Es komme aktuell mehr denn je auf das politische Engagement des Einzelnen an. „Das Thema traf mitten ins Herz gegenwärtiger Debatten“, so Thalia-Intendant Joachim Lux.

Gut gemeint, aber zu schablonenhaft geriet der Auftakt mit „Performing Embassy of Hope“ von Gernot Grünewald. Auch Jette Steckels Burgtheater-Gastspiel mit Ibsens „Ein Volksfeind“ zeigte Schwächen. Zwar glänzte Joachim Meyerhoff als Ökorebell und Badearzt Stockmann. Effektvoll schoss er zu Beginn aus einer Eisluke am Boden empor, um die Bühne anschließend unter einer Riesendusche einzunebeln. Stockmann liegt im bitteren Wettstreit mit seinem machtgierigen Bruder, dem von Mirco Kreibich gespielten Bürgermeister, der einen Ökoskandal unter den Teppich kehren will. Kreibich bewegte sich auf dem dünnsten Eis, weshalb er schöne, kunstvolle Pirouetten auf der Bühne drehen und dazu laute Reden schwingen durfte.

Trotz dieser aparten Effekte kam die Inszenierung nicht in Schwung. Zu idyllisch die ökologisch korrekte Arzt-Familie beim Abendbrot, zu fragwürdig der Sinn der immer wieder bedrohlich heranrückenden Riesenzwerge auf der Bühne. Die Handlung wird wie im härtesten Fernsehrealismus bis ins Kleinste auserzählt und benannt, gipfelnd in einer Schweigeminute für die gequälten VW-Versuchsaffen. Alles wahrhaftig in der Sache, aber in der Wahl der Mittel doch allzu offensichtlich.

Besser funktionierten da klare, schlüssige Formen, wie sie etwa Kornél Mundruczó in seinem düsteren Roma-Familiendrama „Imitation of Life“ fand, auch wenn der große Bühnenbild-Einsturz am Ende inzwischen offenbar zwanghaft bei ihm geworden ist. Überhaupt gab es vielerlei konsequente Kunst aus Osteuropa, dort, wo die zwar demokratisch gewählten, aber zunehmend national eingestellten Regierungen nun mit ihrer erworbenen Macht den Staat umorganisieren und nicht nur die Kunstfreiheit bedrohen. Einen starken chorischen Ausdruck – der Chor ist ein beliebtes Mittel für politische Botschaften – fand die polnische Regisseurin Marta Górnicka mit ihrer vielstimmigen „Hymne an die Liebe“, einer beklemmenden Collage aus National- hymnen, Volksliedern, Politikerreden bis hin zu drastischen Aussagen von nationalen Fanatikern.

Großartig auch die fünf Reinigungsfrauen, die in „Clean City“, dem Stück von Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris, von den Mühen ihres Alltags und ihrer Versuche, in einem fremden Land anzukommen, erzählen. Und das trotz allem mit viel Humor und Gesang.

Zu einem Hit wurde Thomas Ostermeiers soeben zum Berliner Theatertreffen eingeladene starke Film-Theater-Umsetzung von Didier Eribons persönlicher, ungeschönter Rechtsruck-Analyse „Rückkehr nach Reims“. Ebenso Julien Gosselins Anrufung der europäischen Jugend in „1993“, einem konsequenten Rausch aus Sound, Licht, Nebel und chorischem Text.

Die Welt wird sich weiterdrehen; derzeit ist unklar, in welche Richtung. Die Gedanken zu Toleranz, Aufklärung und Miteinander, wie Lessing sie im 18. Jahrhundert formulierte, dürften aber weiter beschworen werden. Sie werden dringend gebraucht.