Hamburg

Beeindruckende Kammermusik mit Videokunst

Hamburg. Als die Besucher den Raum betreten, sind die Musiker schon da. Oder etwa nicht? Eine Videoprojektion zeigt die Mitglieder des Vision String Quartet auf zwei Leinwänden, sie bewegen ihre Bögen wie in Zeitlupe. Sobald es ruhig wird im Kleinen Saal der Elbphilharmonie, gibt’s auch den passenden Sound dazu: leise schabende Klänge, die sich zu dürren, von Pausen durchsetzten Akkorden schichten. Eine Musik der Stille, aus dem zweiten Streichquartett von Jürg Frey.

Dass das keine Liveübertragung ist, weiß das Publikum erst, wenn die vier jungen Streicher selbst die Bühne betreten, während das Video noch läuft. Das Spiel mit den Erwartungen gehört zum Konzept in diesem kunstvoll inszenierten Konzert, das sich weit vom gewohnten Ablauf eines klassischen Kammermusikabends entfernt und damit die ganz eigene Handschrift des vielgelobten Quartetts andeutet.

Gemeinsam mit dem Dramaturgen Folkert Uhde hat das Vision String Quartet Werke von Frey, Barber, Schostakowitsch und Debussy mit visuellen Elementen zu einem multimedialen Programm verzahnt. Eine beeindruckende Konzentrationsleistung der Musiker: eine Stunde lang ohne Pause und ohne Noten im Schummerlicht zu streichen und dabei auf wechselnden Positionen als Ensemble zusammenzufinden. Auch wenn das nicht durchweg auf internationalem Spitzenniveau gelingt.

Das berühmte Adagio von Samuel Barber etwa klingt intonationsmäßig
etwas wacklig. Und im achten Streichquartett von Schostakowitsch fehlt noch eine Dimension jener emotionalen Tiefe, die vielleicht erst eine längere Lebenserfahrung mit sich bringt.

Den musikalisch stärksten Eindruck hinterlässt die packende Interpretation des Debussy-Quartetts. Allerdings wirkt die Begleitung durch wol­kige Formen und Farbspiele hier eher überflüssig. Manchmal ist das Kunst und kann trotzdem weg – weil es die Musik mehr stört als bereichert.

Vielleicht ist das der Preis für den Mut, wenn man ein ganzes Konzertprogramm mit bewegten Bildern ergänzen und einen neuen Zusammenhang stiften will: Dass die Dichte der Eindrücke sich irgendwann selbst im Weg steht.

Mit seinen frischen Ideen und seiner Energie ist das Vision String Quartet gleichwohl eine Bereicherung für die Kammermusikwelt, die auch ein Pub­likum jenseits der Klassik-Stammhörer begeistert.