Hamburg

„Joey schreibt die Texte, und ich brate die Hähnchen“

Neues Calexico-Album: Songs für eine Zeit ohne Weltenretter

Hamburg.  Joey Burns und John Convertino sind bester Laune. Das ist eigentlich immer so, wenn die beiden Musiker von Calexico in Deutschland zu Gast sind. Hier werden sie vom Publikum geschätzt, ihre Platten verkaufen sich gut, ihre Tourneen sind ausverkauft. In den USA ist das Duo aus Tucson/Arizona nur Insidern bekannt, obwohl die Band seit 20 Jahren existiert. Gerade hat Calexico das Album „The Thread That Keeps Us“ auf dem Berliner City-Slang-Label herausgebracht, auf dem die Gruppe schon eine Ewigkeit unter Vertrag ist. Die aufgeräumte Stimmung der beiden Musiker beim Interviewtag im City-Slang-Büro in Kreuzberg steht im Gegensatz zu den Texten der insgesamt achten Platte.

Schon der Auftaktsong mit dem Titel „End Of The World With You“ ist ein Liebeslied – aber in Angesicht eines sich immer mehr zerstörenden Planeten. „Dead In The Water“ beschreibt die zunehmende Vergiftung unserer Wasser­reserven. „Bridge To Nowhere“ ist der Entwurf einer apokalyptischen Welt mit verlassenen Straßen, Ascheregen und einer Luft, die man kaum noch einatmen kann. „Ich habe Bilder von Verwüstungen auf der ganzen Welt im Kopf. Daraus entstehen die Texte. Aber meine Weltsicht ist dennoch nicht völlig pessimistisch. Es gibt Hoffnung. Aber wir müssen bei uns selbst anfangen“, sagt Burns, Gitarrist und Sänger der Gruppe.

„Einen Weltenretter gibt es gerade nicht“, ergänzt Convertino. „Obama hat es versucht, aber er konnte es nicht schaffen, deshalb waren die Amerikaner am Ende sauer auf ihn. Und dann kommt Trump und verkündet: ,Ich bringe alles in Ordnung!‘ Deshalb ist er gewählt worden.“

Musikalisch hat Calexico sich wieder verändert. Burns kreiert mit der Gitarre einen härteren Sound, benutzt Rückkoppelungen und Geräusche, Convertino tauscht die sanften Besen meistens gegen Trommelstöcke. „Under The Wheels“ basiert auf einem Funk-Rhythmus, wie ihn Calexico so noch nie benutzt haben. Doch es gibt auch ein paar typische Calexico-Nummern mit mexikanischen Mariachi-Trompeten wie den „Unconditional Waltz“ oder „Thrown To The Wild“ mit Burns’ emphatischem Gesang. „Wir wollten uns musikalisch nicht wiederholen, deshalb klingt ,The Thread That Keeps Us‘ wieder anders als die Alben zuvor“, so Burns.

Das Konzert in Hamburg ist schon ausverkauft

Seit 2008, als sie „Carried To Dust“ in Austin gemischt haben, sind Burns und Convertino immer auf der Suche noch Aufnahmestudios außerhalb von Tucson gewesen, um dem Alltag zu entfliehen und fokussierter arbeiten zu können. „Algiers“ hat Calexico in New Orleans aufgenommen, „Edge Of The Sun“ entstand in Mexico-City, und für „The Thread That Keeps Us“ sind sie nach Nord-Kalifornien in ein kleines Dorf in der Nähe von San Francisco geflogen.

Das „Panoramic House“, aus Treibholz und Schiffswrackteilen erbaut, beherbergt eine große Sammlung an In­strumenten und Aufnahme-Utensilien, die Calexico benutzte. „Es ist toll, wenn du beim Trommeln durch das Fenster aufs Meer blicken kannst“, erzählt John Convertino. Der Schlagzeuger ist der ruhigere der beiden Musiker. „Joey schreibt die Texte, und ich brate die Hähnchen“, beschreibt Convertino seine Rolle. „Manchmal muss man ein gutes Essen zubereiten, damit der Tag gut wird. Das kann der Treibstoff für die Kreativität sein.“ Convertino stellt mit diesem Satz sein Licht allerdings gehörig unter den Scheffel, denn er zählt zu den versiertesten Rock-Schlagzeugern und ist ein Meister mit den Besen. Burns kommentiert das Understatement seines Kumpels so: „John bringt ganz viel auf den Tisch, nicht nur Essen.“

Das Calexico-Konzert am 9.3. in der Großen Freiheit 36 ist ausverkauft