Elbphilharmonie

Blutleerer Debussy, aber ein famoser Mozart

Sergei Babayan stammt aus Armenien

Sergei Babayan stammt aus Armenien

Foto: Marco Borggreve

Das NDR Elbphilharmonie Orchester konzertierte mit dem armenischen Pianisten Sergei Babayan.

Hamburg.  Geht das heute überhaupt noch? Diese Frage drängt sich hinein in den Applaus nach der „Prélude à l’après-midi d’un faune“ beim Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Donnerstagabend im Großen Saal unter Andrew Manze.

Die Prélude ist das wohl beliebteste und meistgespielte Orchesterwerk von Claude Debussy, von Pierre Boulez nachträglich als den symphonischen Auftakt der Moderne mindestens in der Orchestermusik betrachtet. Und es gibt gute Argumente dafür zu sagen: Nein, das geht heute aber wirklich nicht mehr – ein Stück aufzuführen, das die Gefühlslagen eines Kobolds auslotet. Eines ausdrücklich männlichen, ziemlich aufgeheizten Kobolds, der erschöpft ist vom Versuch, Sex mit zwei Nymphen zu erzwingen, und sich jetzt in Fantasien versteigt, wie es hätte sein können, wenn es anders ausgegangen wäre, und ob sich ein neuer Anlauf nicht doch lohnen könnte. Natürlich, die Prélude ist keine auskomponierte Handlung, sondern eine Reflexion verschieden verschatteter Gefühlslagen, aber Absichten bleiben Absichten und Anspielungen auch dann Anspielungen, wenn sie in Ganz- und Halbtonschritten formuliert, die hinab zum Tritonus und zurück führen und keine dissonante Abscheu auslösen, sondern halbschwüles Begehren formuliert.

"Unkritische Interpretation"

Man kann sich auch dafür entscheiden mit dem Argument: Natürlich geht das noch, wer soll so etwas zur Disposition stellen, wenn nicht die Kunst? Das traute sich der größte der NDR-Klangkörper dann aber leider doch nicht, sondern wählte einen unentschiedenen Mittelweg: eine blutleere, unkritische, sehr protestantische Interpretation, die aus nicht viel mehr bestand als dem Hintereinanderwegmusizieren der in der Partitur notierten Töne unter voll aufgedrehtem Saallicht. Kein Gefühl, nirgends. Es war die unfreiwillige Dekonstruktion des Zaubers, das dieses Stück ja trotz aller Fragwürdigkeit entfalten kann.

Allerdings war der Abend nach diesen ersten gut zehn Minuten nicht zu Ende. Dann nämlich breitete Sergei Babayan Mozarts letztes Klavierkonzert mit so schelmischer Inbrunst und famoser, grundentspannter Souveränität auf den Klaviertasten aus, dass man sich fragte, ob es da nicht vielleicht eine Verwechslung gegeben haben könnte zwischen Inbrunst im einen und nüchterner Klarheit im anderen Stück. Die eingangs gestellte Frage war nicht die einzige, die dieser Abend aufwarf. Großer Applaus, auch für die Haffner-Sinfonie und Ravels Couperin-Suite im zweiten Teil.