Hamburg

Opern-Star René Kollo: "Was vorbei ist, ist vorbei"

Vom Schlagersänger zum Heldentenor: Nach einer einzigartigen Karriere ist der Mann mit der Jahrhundertstimme auf Abschiedstournee.Am 2. Februar gastiert er noch einmal in Hamburg

Hamburg.  In diesem Teil der Staatsoper sei er nur selten gewesen, ­erzählt René Kollo, als wir uns für ein Foto im Foyer treffen. Bühne, Garderobe, Kantine, das war damals sein Teil dieser Welt gewesen. Vieles hat er hier ­gesungen, seine Frau, die damals bei John Neumeier im Ballett tanzte, hat er in der Kantine kennengelernt, in Hamburg ­haben sie auch geheiratet. Kollos beispiellose Karriere begann Anfang der 1960er-Jahre mit dem Schlager "Hello Mary Lou", danach wurde er zum wohl besten Wagner-Tenor seiner Generation, war Stammgast in Bayreuth und sang 1976 einen Siegfried in Patrice Chéreaus "Jahrhundert-Ring". Im November feierte er seinen 80. Geburtstag, am 2. Februar gibt er sein Abschiedskonzert im Kleinen Saal der Laeiszhalle. Kollo war immer einzig, jahrzehntelang populär, aber nicht immer artig. Sehr freundlich ist Kollo geblieben, obwohl es beim ­Gespräch auch um unschöne Erlebnisse und Erkenntnisse ging.

Wie ist es, wenn man Weltstar gewesen ist und es nicht mehr ist? Tut das weh oder ist es ganz okay so?

René Kollo: Das ist ganz okay so. Das ist das Leben. Ich habe das auch nicht so empfunden. Für mich war es Arbeit und Spaß. Als Star habe ich mich nicht ge­sehen.

Sie sollen Ihr Schaffen als Tonträger-Meterware zu Hause lagern. Ist das tröstlich oder schrecklich, diese prächtige Dokumentation des Gewesenen?

Mehr oder weniger kam meine Frau auf die Idee. Wir haben gesagt: Bevor es das alles nicht mehr gibt, kaufen wir alles ­zusammen. Und das sind tatsächlich ­einige Meter, die auf Mallorca im Regal stehen, und da steht es dann auch. Ich höre davon nichts.

Aus Versehen oder mit Absicht nicht?

Weder noch. Es interessiert mich nicht, wenn etwas gemacht ist. Mich interessiert nur, was ich besser machen kann, aber auf der Platte kann ich nichts mehr besser machen. Was vorbei ist, ist vorbei.

Die Kombination aus Berliner Schnauze und Heldentenor ist so ziemlich die explosivste Mischung, die man sich denken kann.

Na ja, was ist ein Heldentenor? Jemand, der nach fünf Stunden immer noch gut zu hören ist. Diese Helden sind ja auch alle keine Helden, das sind psychisch sehr labile Menschen … Wagner habe ich immer geliebt, schon lange bevor ich dachte, dass ich das jemals singen würde.

Sie waren viele Jahre lang so eng verbunden mit Wagner und ganz besonders mit der­ ­Adresse Bayreuther Festspielhaus, mit der Art, wie dort Kunst entstand – und dann kam diese "Tannhäuser"-Premiere 1985, bei der Sie eine Viertelstunde vor Beginn absagten. Heuschnupfen. Riesenärger. Nach elf Bayreuther Siegfrieds, fünf Parsifals, neun Stoltzings, 13 Lohengrins und acht Tristans. Nach diesem Krach, und seitdem, waren Sie als Sänger komplett weg vom Festspielhügel.

Auch Sänger sind Menschen und können krank werden. Dann geht's nicht. Das war leider die Premiere. Na ja. So was passiert. Den Tannhäuser habe ich ­danach überall auf der Welt gesungen.

Und das Herz blutet seitdem nicht, jedes Mal so um Ende Juli, wenn die Bayreuther Festspiele beginnen?

Das Herz blutet mir mehr, wenn ich ­sehe, was jetzt in Bayreuth passiert. Weil ich Bayreuth liebe. Deswegen mache ich ab und zu das Maul auf, weil es ja sonst keiner macht, und sage: So kann es nicht gehen. Wenn man jetzt anfängt, sogar in der Musik zu streichen, nur weil es einen nicht interessiert – das ist für mich schlimm. Mit Wolfgang Wagner mal einen Krach zu haben, das war ganz ­normal. Das hatte jeder, er war ein Choleriker.

Sie sind buchstäblich vom Fach, interessiert sich dort jemand für Ihre Meinung?

Nein. Das interessiert überhaupt keinen. Mich interessiert es. Und man macht dort Dinge, die ich nicht ertrage.

Gibt es noch diese Wagner-Veteranentreffen im Bayreuther Weihenstephan?

Schon, aber es sind bloß nur noch zwei, drei da. Ich werde diesen Sommer auch wieder dort sein.

Bekommen Sie Karten?

Nein, ich will da auch gar nicht hin. Castorfs "Rheingold" war ein Schock fürs Leben. Man kann ja nicht raus. Danach bin ich runter ins Weihenstephan und habe fast zwei Flaschen Rotwein getrunken, um wieder zum Menschen zu werden und das Ganze zu vergessen. Das war ein körperlicher Schmerz, wirklich.

Auch der Dirigent Kirill Petrenko hat es für Sie nicht rausreißen können?

Nein. Furchtbar.

Sie haben Ihre Tenor-Karriere konsequent abgeblendet. Ihr Kollege Plácido Domingo hat inzwischen den Bariton in sich entdeckt und singt eine Etage tiefer weiter. Das war für Sie nie ein Thema?

Nein. Unser Geschäft ist eins von Angebot und Nachfrage. Angebote habe ich ­irgendwann nicht mehr bekommen. Ich könnte Ihnen heute noch "Walküre" singen, jederzeit, kein Problem, aber es kommt keiner drauf, und dann muss ich's ja auch nicht. Ich bin über 80 und will auch noch ein bisschen leben. Was Plácido macht, ist seine Sache.

Ihre Stimmbänder sind noch im regelmäßigen Training?

Das geht in meinem Alter sehr schnell, anders als früher. Ein bisschen einsingen, dann läuft es.

Ihre Karriere begann mit Schlager, dann kam der Wechsel Richtung Oper. Hörte es jemals auf, dass Sie deswegen komisch angesehen wurden?

Keine Ahnung, das werden mehrere ­gemacht haben, es gibt genügend Puristen. Ich habe immer nach der Devise ­gelebt: Ich habe meine Linie, die ich lebe, und die muss nicht nur dem Publikum Spaß machen, sondern auch mir. Nur der große Herr Kammersänger, der von morgens bis abends die "Winterreise" singt? Nein, das wäre mir zu langweilig gewesen.

Mit Unterhaltungssendungen wie "Ich lade mir gern Gäste ein" verkörperten Sie einen Teil der bundesrepublikanischen Geschichte, der sehr speziell war. Im Rückblick wirkt vieles rührend freundlich, damals war es wohl eher revolutionär – einerseits Mozart singen, andererseits Lieder von Udo Jürgens.

Es hat mir einfach Spaß gemacht und ich hatte einen Vater und Großvater gehabt, deren Musik ich auch singen wollte.

Haben Sie in Ihrer Karriere etwas schwer, langfristig und dramatisch bereut?

Nein. Ich habe nie etwas bereut, denn auch die Fehler gehören zum Leben ­dazu.

Nicht nur ich wäre gern dabei gewesen, als Sie damals mit Herbert von Karajan im Clinch waren.

Als Karajan starb, bin ich mit einem Freund in Anif auf den Friedhof gegangen, und wir haben im Schnee das Grab gesucht. Er ist der einzige Mensch, dem ich einen Strauß Blumen auf das Grab gelegt habe …

… Nicht mal bei Wagner in Bayreuth, im Park von Wahnfried?

… Meine Blumen waren auf der Bühne, wenn ich "Tristan" gesungen habe … Nein, ich habe Karajan geliebt. Aber es war nicht immer ganz einfach.

Haben Sie Entzugserscheinungen, sobald Sie in der Nähe eines Opernhauses sind? Fehlen Ihnen die Bühnenluft, der Applaus, das Durchdrehen in der Garderobe, all das?

Nein, das fehlt mir nicht. Ich habe ja meine Konzerte und bin unterwegs mit den Dingen, die ich gern mache. Ein Opernhaus macht nicht nur Spaß. Sie haben dort sehr viele Querulanten, es gibt Dirigenten, die Sie nicht mögen oder umgekehrt … Ein Opernhaus ist ein Wespennest. So sehr sehnen muss man sich danach nicht.

Wann immer man mit Sängerinnen und Sängern spricht, die eine sehr lange Karriere haben oder hatten, kommt früher oder später dieser Satz, der sich so sonderbar ­anhört: Früher war alles besser.

Ja, es war alles besser. Viel besser.

Fehlt Ihnen die Bewunderung, Aufmerksamkeit und Liebe, die man vom Publikum erhält? Auf diese Droge kommt man relativ schnell – und schwer wieder herunter.

Darum leben ja viele auch in Wien. So ­etwas gibt es in Deutschland überhaupt nicht mehr. Natürlich ist es sehr schön, Persona grata zu sein. Ich musste das nicht unbedingt haben.

Sie sind momentan mit einem Pianisten, ­etlichen Liedern und vielen Geschichten auf "Abschiedstournee" unterwegs. Ist das Ihr Ernst, oder tun Sie nur so?

Das ist mein Ernst. Das wird das letzte Konzert sein, das ich in Hamburg gebe. So eine Tour mache ich nie wieder. Ich sitze gern in unserem Haus auf Mallorca, wo die Sonne scheint, da sitze ich gern bei einem Fläschchen Wein …

… und beschimpfen die Nachbarn …

(lacht) … da sind Gott sei Dank keine Nachbarn … Man muss sich auch etwas reduzieren, wenn man in meinem Alter ist. Ich bin oft ein sehr fauler Mensch.

Dafür haben Sie relativ viel gemacht.

Ich kann auch sehr fleißig sein.


Konzert: Do 2.2., 20.00, Laeiszhalle, Kl. Saal, Karten zu 56,50 bis 74,75 in der Abendblatt-Geschäftstelle, Großer Burstah 18–32, Ticket-Hotline T. 30 30 98 98 Aktuelle CDs: "René Kollo — From Mary Lou to Meistersinger" (DG, 2 CDs) / "Best Of" (Sony Classical, 2 CDs)

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