Hamburg

Über Staatsmacht und Ohnmacht

Der türkische Publizist Can Dündar hält bei den Lessingtagen die Eröffnungsrede

Hamburg. Es ist eines dieser ­Bücher, die man mit dem Bleistift in der Hand liest. Weil darin Sätze zum Markieren stehen, die den Leser anfassen und ihn immer wieder frösteln lassen. Der Stift in der Hand ist dabei nur scheinbar eine völlige Selbstverständlichkeit: „In der Türkei schaufelt jeder Autor sein Grab mit dem Stift“, schreibt Can Dündar, ehemaliger Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Er selbst musste und muss dies schmerzvoll erfahren.

„Verräter“ nennt Can Dündar seine „Aufzeichnungen im deutschen Exil“, die der Verlag Hoffmann und Campe soeben herausgebracht hat. Dündars Foto ist auf dem Buch­umschlag. Brille, Bart, sympathisch ­ergrautes Haar, braune Augen. Er blickt seinen Leser direkt an, die schreiend ­rote Schrift läuft quer über seinen Mund: Verräter. Aber dieser Autor, der am Sonntag im Thalia Theater die Hamburger Lessingtage eröffnen wird, hat sich gerade nicht mundtot zwingen lassen. Obwohl man ihn in der Türkei festgenommen und auf ihn geschossen hatte, obwohl er nach wie vor bedroht wird, obwohl er im Exil und teils unter Personenschutz leben muss. Obwohl seine Frau, die sich nichts hat zuschulden kommen lassen außer mit einem Journalisten verheiratet zu sein, seither an der Ausreise gehindert wird.

Schweigen hieße jedoch, „dem ­Unrecht zu applaudieren“, glaubt Dündar, eine grundsätzliche Haltung, die Konsequenzen hat: Im Sommer 2016 hält sich der Autor – nach drei Monaten in Einzelhaft, weil er über eine illegale Waffenlieferung des türkischen ­Geheimdienstes nach Syrien berichtet hatte, und nach einem vereitelten Mordanschlag auf ihn – in Barcelona auf. Im Juli gibt es in der Türkei einen Putschversuch. Und aus dem Schreiburlaub wird ein Exil.

Das Leben in der Türkei hat sich verändert, und Dündar notiert in klaren, kurzen, immer wieder erschreckenden Kapiteln, was das (und nicht allein für ihn) bedeutet. Richter werden ausgetauscht, sein Attentäter auf freien Fuß gesetzt, Hetzkampagnen orchestriert. „Innerhalb weniger Wochen war mir zunächst mein Land, dann meine Familie, auch mein Zuhause und schließlich noch mein Job entglitten. Dündar geht nach Berlin, auch aus Hamburg hatte es ein Angebot gegeben. Er findet eine Wohnung, das PEN-Zentrum hilft, die „Zeit“ gibt ihm eine Kolumne, das Maxim Gorki Theater eröffnet Begegnungen. Die Emigration aber ist unfreiwillig: „Ich hatte mein Land nicht verlassen, mein Land hatte mich verlassen.“

Dündar beschreibt, wie er vom Journalisten zum Aktivisten wird („Ich interviewe kaum noch, gebe aber ständig Interviews“), wie die Einsamkeit im fremden Land zum Begleiter wird, die eigene Geschichte zum Auftrag. Es ist ein Buch, dessen Fortsetzung in der Gegenwart liegt, das klar aufzeigt, was „die große Politik“ mit dem normalen Leben zu tun hat. Es rüttelt auf und in­spiriert, es offenbart Selbstzweifel, lässt aber auch Hoffnung zu.

Manchmal sind es dabei die vermeintlich banalen Details, die umso eindrücklicher nachwirken. So erzählt Can Dündar von einem Schreibtisch, auf den er im Berliner Exil ein Auge geworfen hat. Sein eigener ist ihm zu klein, er ist eine Zwischenlösung für einen Übergangszustand. Was wiederum den neuen Tisch zum Symbol des Gegenteils macht – würde der Autor diesen Tisch erwerben, würde er die Endgültigkeit seines Berliner Exils akzeptieren.

Dann passiert das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara, kurz darauf auf Feiernde in einem Istanbuler Nachtclub. Der Anschlag in Istanbul hatte seiner alten Zeitung „Cumhuriyet“ gegolten. Am nächsten Tag wird ein Mann ­gelyncht, den sie, wie Dündar, einen „Landesverräter“ schimpfen.

Und Can Dündar kauft den neuen Tisch.

Can Dündar: „Verräter. Von Istanbul nach Berlin. Aufzeichnungen im deutschen Exil“, Hoffmann und Campe, 192 Seiten, 20,-