Hamburg

Kabarettist Martin Buchholz: Zum Abschied „Alles Lüge“

Hamburg.  Er ist Berliner, aus dem Wedding, durch und durch. Seine Bühnenlaufbahn aber begann Kabarettist Martin Buchholz (heute 75) in den 1980er-Jahren in Hamburg, im Kabarett Mon Marthe beim Duo Alma Hoppe. In dessen Eppendorfer Lustspielhaus beendet der frühere Redakteur („Stern“, „Konkret“, „Pardon“), auf der Bühne als Wortspieler und Sprachakrobat bekannt („Nicht auf Linie, aber online“), mit zwei Vorstellungen an diesem Donnerstag und Freitag nun auch seine Karriere.

Ihr Hamburger Kollege Henning Venske (78) hat vor seinem letzten Jahresrückblick erläutert, er könne aus jenen noch immer amtierenden „politischen Pappfiguren“ kabarettistisch keinen Honig mehr saugen. Geht es Ihnen genauso?

Martin Buchholz: Eigentlich nicht, obwohl auch ich gelegentlich zu hören kriege: „Sie brauchen doch gar keine Programme mehr zu schreiben. Die Politiker versorgen uns ja ohnehin reichlich mit Realsatire.“ Aber solche Leute haben einen sehr niedrigen Anspruch an Satire.

Sterben die politischen Kabarettisten hierzulande langsam, aber sicher aus?

Die satirischen Dinosaurier der älteren Sorte gehören schon zu einer bedrohten Art, somit auch ich. Ohnehin liest man in den Mode-Journalen des Zeitgeistes schon seit Langem: „Das politische Kabarett ist tot.“ Ich veranstaltete also seit 36 Jahren jeden Abend eine Leichenschau. Zum Glück konnte ich nie behaupten, dass kein Aas da gewesen sei.

Wie hat sich Kabarett seitdem verändert?

Als ich begann, war die 68er-Kulturrevolution noch in hoffnungsvollen gesellschaftlichen Nachwehen zu spüren. Inzwischen droht ein dumpfdeutsches, stinkreaktionäres Rollback: Das Imperium schlägt zurück! Umso notwendiger ein befreiendes Lachen, das die Hirnwindungen freipustet von lähmender, angstvoller Verstopfung. Nur so kann auch ein Gedankenstillstand, also der Stau im Kopp, wieder aufgelöst werden.

Ihr Abschiedsprogramm heißt „Alles Lüge, kannste glauben!“. Hilft gegen „alternative Fakten“ von höchster Stelle nur Sarkasmus?

Zumindest hilft der böse Spott dem manchmal zu trägen Geist wieder auf die Gedankensprünge. Das nützt auch der eigenen Psyche. Eine therapeutische Maßnahme: auf dass aus dem sarkastischen Zweifel kein zynisches Verzweifeln werde!

Was hat Ihr Spott in all den Jahren bewirkt? Und was kommt noch?

In den vielen Mails und Briefen, die ich zu meinem Bühnenabschied erhalte, dankt man mir dafür, dass ich in zuweilen beklemmenden Zeiten etwas angestiftet habe – nämlich Mut zum lustvollen Denken in einer dialektisch gewitzten Sprache. Mir war es stets wichtig, zu demonstrieren, dass der aufrechte Gang eine immer noch menschenmögliche Bewegungsform ist. Ich werde diese Gangart auch weiterhin praktizieren in meinen Satire-Kolumnen und in meinen künftigen Büchern. Mein Rückzug von der Bühne ist keine Resignation. (str)

„Alles Lüge, kannste glauben!“ Hamburg-Pre­miere und Derniere Do 18. + Fr 19.1., je 20.00, Lustspielhaus (U Hudtwalcker­str.), Ludolfstr. 53, Karten 10,- (erm.) bis 27,- unter T. 55 56 55 56; www.martin-buchholz.de