Hamburg

Schlinks zartbittere Romanze

Mit seinem "Vorleser" erlangte der Autor Weltruhm. Sein neuer Roman "Olga" erzählt eine Liebes- und Lebensgeschichte

Hamburg. "Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut." So beginnt Bernhard Schlinks neuer Roman "Olga", und damit ist bereits viel gesagt über das Mädchen, von dem in jenem Satz die Rede ist. Anfangs rein deskriptiv, nahezu sachlich erzählt Schlink, der mit seinem Roman "Der Vorleser" Weltruhm erlangte, von den Lebensumständen, unten denen seine noch sehr junge Heldin heranwächst.

Die Verhältnisse sind ärmlich, die Straßen aber angefüllt von Menschen, Dingen, Gerüchen und Lärm in der großen Stadt, Breslau gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Olga ist ein lern- und wissbegieriges Mädchen, schnell kann sie lesen und schreiben, noch bevor sie in die Schule kommt. Früh sterben kurz hintereinander ihre Eltern, kaum ist Olga eingeschult.

Da nimmt ihre Großmutter sie zu sich, Olga wird hineingeworfen in ein neues Leben. Ein Dorf in Pommern soll ihre Heimat werden, weit ist da das Land und ihr ganz unbekannt. Was für ein Unterschied zu dem, was sie kennt und lieb gewonnen hatte. Die Großmutter achtet das Kind wenig, und Olga fügt sich, wie sie sich auch später meist fügen wird. Ihren Weg jedoch, den geht sie, klug, sehend und mit Bedacht.

Es ist mehr als ein ganzes Jahrhundert, das Bernhard Schlink in seinem Roman vorbeiziehen lässt, Schlaglichter dabei auf die beiden großen Kriege werfend, auf all die Irrungen und Wirrungen, die diese blutigen Umwälzungen mit sich gebracht haben.

Letztlich aber ist es eine Liebesgeschichte, die Schlink in diesem wunderbaren und tiefgründigen Roman erzählt, es ist die Geschichte von Olga und Herbert. Sie lernen sich kennen in ebenjenem Dorf, in das Olgas Großmutter das Mädchen geholt hat, in dem es sich neu orientieren muss und dabei den jungen Herbert entdeckt. Der stammt aus wohlhabendem Elternhaus, der Vater wünscht ihn sich als aufrechten Deutschen, als wackeren Soldaten. Der Name Herbert ist dem Althochdeutschen entlehnt und bedeutet so etwas wie "berühmter Krieger".

Dabei ist Herbert ein Träumer, ein Gedankenflieger, der die Wirklichkeit markiert. Er lässt sich hinreißen von dem Taumel, der so viele Menschen erfasst, bevor das große Schlachten im Ersten Weltkrieg beginnt.

Herbert ist da ganz anders als Olga, die fest auf ebenjenem Grund steht, den Herbert meist nur von Ferne kennt. Doch was soll's? Sie lieben sich, mit Leidenschaft und trotzend all den Widerständen. Denn es ist, wie es ist, sagt die Liebe, und so geht es einige Jahre, bis Olga und Herbert getrennt werden, weil der Träumer aus gutem Hause seinen Schimären nachjagen muss, er kann halt nicht anders. Er strebt in die Welt, besucht Argentinien und Karelien, Brasilien und Sibirien, bis sein unstetes Sein im ewigen Eis endet, eine zerstörte Hoffnung.

Olga aber bleibt fest, sie erfüllt sich ihren kleinen Traum, wird Lehrerin, verliert nach einer fiebrigen Erkrankung ihr Gehör, verlässt ihre ungeliebte neue Heimat zu Fuß gen Westen, lebt schließlich im Schwäbischen – "sie schickte sich in ihr Leben", wie Schlink lakonisch und so treffend schreibt. Und kurz vor ihrem Ende entscheidet sich Olga für etwas Ungeheuerliches, für eine Tat des Unerhörten, die wie ein leuchtendes Fanal herausragt aus ihrem stillen Leben.

In ihren letzten Jahren arbeitet Olga bei einer Familie, deren Sohn Ferdinand sie in sein Herz schließt. Aus seiner Perspektive erzählt Schlink den zweiten Teil des Romans, wie Olga dem häufig kranken Jungen ihr Leben zu erzählen beginnt, auch und gerade die gelebte und die nicht gelebte Geschichte mit ihrer großen Liebe Herbert. Schließlich entdeckt Ferdinand, inzwischen selbst erwachsen, Olgas Briefe, die sie an Herbert geschrieben hat. Ein neuer Blick tut sich auf.

Bernhard Schlink erzählt seine Geschichte aus mehreren Perspektiven, wechselt dabei von einer eher nüchternen, gleichwohl fesselnden Prosa gegen Ende hin zu einer Art Briefroman, aus dem lebensweise Menschlichkeit leuchtet. Schlink ist ein brillanter Stilist, seine zartbittere Liebesromanze vermag zutiefst berühren.

Der Autor liest Di 24.4., 20 Uhr, Kammerspiele, Hartungstraße 9–11, Eintritt 16,00, Karten in allen Heymann-Buchhandlungen

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