Hamburg

Jüdisches Rachemusical

Die Produktion "Mit Dolores habt ihr ..." wird auf Kampnagel zum verhältnismäßig traditionellen Musiktheater

Hamburg. Argentinien 1945. Dolores (Oscar Olivo) tanzt mit dem deutschen Holzhändler Eduard Roschmann (Mathias Becker), einem schlechten Tänzer. Dolores weiß, dass SS-Mann Roschmann im Krieg bekannt war als "Schlächter von Riga", und zwischen zwei Takten stößt sie ihm ein Messer in die Rippen. "Schwarze Haare, Tangoschritt", intoniert die Band schmissig, "da kommt die SA nicht mit."

Tucké Royales Stück "Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet" verbindet auf Kampnagel halsbrecherisch Holocaust, Musical und Pulp: Die jüdischen Zwillinge Ida (Friedericke Miller) und ­Dolores kommen 1914 in Galizien zur Welt, Dolores damals noch als Junge. In den Dreißigern feiert man sie zunächst als Tänzerinnen, bis Ida deportiert wird. Dolores kann entkommen und wird von ihrer Schwester beschworen, sich nicht in die Opferrolle zu fügen: "Mein Zug wird in die Vernichtung fahren, deiner in die Rache!" Und Dolores rächt: mit Gift, mit Dynamit und den Hauptmann stürzt sie vom Balkon.

Die Emanzipation der Heldin von der Opferrolle der Jüdin läuft parallel zu ihrer sexuellen Emanzipation: In einer zentralen Szene begegnet sie Magnus Hirschfeld, und der Pionier der Sexualwissenschaft erklärt ihr, dass ihr Schillern zwischen den Geschlechtern keine Krankheit sei, sondern eine "Laune der Natur". Entsprechend werden die immer drastischeren Splatterpas­sagen gegen Ende unterbrochen, in einem kurzen Moment der Entspannung und Solidarität – den Dolores bezeichnenderweise zwischen Strichern, Gaunern und Homosexuellen erlebt.

Im Vergleich zu Royales bisherigen Stücken in Hamburg, der aktionistischen Gründung eines "Zentralrats der Asozialen" und der Soloperformance "Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen", kommt die ­aktuelle Produktion als verhältnismäßig traditionelles Musiktheater daher: Die Rachestory wird halbwegs linear erzählt, und die Band unter Leitung von Goldene-Zitronen-Bassist Ted Gaier spielt einen satten Score mit Schlenkern zu Chanson und Tango. ­Allerdings ist der Inszenierung jeglicher Glamour, der sich angesichts der Varietészenen anbieten würde, ausgetrieben, das Ergebnis bleibt insbesondere in Kulisse und Kostüm nüchtern und abstrakt (Ausstattung: Josa Marx). Die Story wird in erster Linie von Mehmet Yilmaz erzählt – es geht immerhin um Völkermord, da wäre zu viel Performance fehl am Platze.

"Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet" ist eine gemeinsame Produktion von Berliner Gorki Theater und Schwulem Museum Berlin, koproduziert von Kampnagel. Tatsächlich aber gibt es einen konkreten Hamburg-Bezug: Vorbild der Heldin ist der polnisch-russische Tänzer Sylvin Rubinstein (1914– 2011), der den Holocaust im Untergrund überlebte, nach dem Krieg nach St. Pauli zog und dort als Flamencotänzerin Dolores Furore machte.

Auch andere Figuren haben ihre Entsprechung in der Realität, eine kleine Achillesferse des Abends: Eduard Roschmann, der "Schlächter von Riga", entkam nach dem Krieg tatsächlich nach Lateinamerika. Aber er starb nicht 1945 durch die Hand einer glamourösen Heldin, der echte Roschmann starb 1977 in Asunción als alter Mann, ohne je für seine Taten belangt worden zu sein.

"Mit Dolores ..." Wieder am 13.1., 20 Uhr, Kampnagel, Jarrestraße 20, T. 27 09 49 49

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