Kultur

„Hamburg ohne Elbphilharmonie? Unvorstellbar!“

Generalintendant Christoph Lieben-Seutter zieht ausführlich Bilanz: Wie war das erste Jahr mit neuem Konzerthaus, was bringt die Zukunft? Ein Gespräch

Ein Jahr Ausnahme­zustand – und ein Ende ist weit und breit nicht in Sicht. Ein ­umfassendes Bilanzgespräch mit Generalintendant Christoph Lieben-Seutter über die vergangenen ersten zwölf Monate Spielbetrieb im neuen Konzerthaus ruft ins Gedächtnis zurück, wie abenteuerlich und unwiederholbar viele ­Ereignisse waren, die mit dem 11. Januar 2017 ihren Anfang nahmen. Nicht alles war perfekt, vieles war wahnwitzig.

Sie sind seit einem Jahr der bekannteste Hamburger der Welt seit Johannes Brahms – und das als gebürtiger Wiener?

Christoph Lieben-Seutter: Zumindest Karl Lagerfeld ist bekannter.

Der ist Exil-Hamburger, das gilt nicht … Was haben Sie hier in diesem ersten Jahr von und mit der Elbphilharmonie gelernt?

Dass die Wirklichkeit immer noch ­anders ist als jede noch so sorgfältige Planung. In unserem Fall: zum großen Teil besser. Vor allem das ungeheure Ausmaß der Begeisterung und der Nachfrage aus nah und fern war überraschend.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?

Man sieht: Ein gutes Projekt ist ein gutes Projekt ist ein gutes Projekt. Die Idee der Elbphilharmonie war genial, vom ersten Moment an, sie hat durch alle Widrigkeiten uns alle bei der Stange gehalten.

Welches Konzept oder Format hätten Sie sich im Nachhinein lieber verkneifen mögen, weil sich praktisch zeigte, dass es nicht funktioniert?

Da fällt mir so gut wie nichts ein – außer, dass ich im Nordgang eine Wand anbringen ließ für die vielen schönen Konzertplakate, die man bisher immer als Werbemaßnahme klebte. Für Konzerte in der Elbphilharmonie druckt aber kein Veranstalter mehr Plakate.

Christoph Lieben-Seutter anno 2010: „Wo ich bin, ist Musik auf höchstem Niveau.“

Flotter Spruch, ist aber nach wie vor mein Anspruch.

Was, neben der Architektur, bieten Sie in diesem Gebäude, was andere Konzerthäuser nicht bieten?

Ein spannendes Konzertprogramm, das sich dank der Architektur ohne Rücksicht auf die Nachfrage an der Kasse entwickeln lässt.

Wie viel darf in einem künstlerisch erfolgreichen Spielplan Übernahme von anderen Anbietern an anderen Orten sein, wie viel sollte man tunlichst selbst und exklusiv entwickeln?

Für mich ist das kein Thema, ich bin ein großer Freund von Koproduktionen. Das ist ein Geben und Nehmen. Man ­bekommt meistens bessere Qualität mit weniger Aufwand, wenn Projekte mehrfach aufgeführt werden.

Aber sollte ein Spielplan nicht so einmalig sein wie das Haus, in dem er passiert?

Das ist höchstens ein Kriterium für Journalisten wie Sie, die überall alles gesehen haben und vergleichen können. Das normale Publikum will das bestmögliche Programm in seinem Haus erleben und hat ein Anrecht darauf, dass Dinge, die woanders für Furore sorgen, auch hierherkommen. Es gibt auch Handverlesenes, extra für die Elbphilharmonie ­bestellt, keine Frage. Aber darauf kleben wir kein Etikett und sind dann besonders stolz darauf.

Gehen wir doch mal das Sortiment durch: Pop und Elbphilharmonie – schwierig …

… nein. Passt gut.

Trotz der Verstärkung?

Ja. Das geht sogar erstaunlich gut. Die Akustik haben wir mittlerweile gut im Griff, und einige Stars haben ihr Konzertprogramm eigens für die Elbphilharmonie maßgeschneidert. Etwa Anohni oder Rufus Wainwright. Benjamin Clementine war beim Soundcheck vom Großen Saal so beeindruckt, dass er sein Programm kurzfristig umgestoßen hat. Ich finde es gut, dass so auf den Saal reagiert wird.

Lesungen und Elbphilharmonie – sonderbar…

… Hmm, da gab es auch schon große Abende, etwa mit Sophie Rois im Kleinen Saal. Im Großen Saal ist die Akustik kniffliger, da arbeiten wir noch an der Verbesserung der Sprachverständlichkeit. Und die Nachfrage ist geringer als bei Konzerten. Das Publikum kommt für Musik in die Elbphilharmonie.

Alte Musik und Elbphilharmonie – schwierig …

Nein, sogar viel besser als gedacht. Wir hatten tolle Konzerte mit kleinen Ensembles. Nur bei Gesangssolisten ist die Positionierung auf der Bühne ein Thema. Die menschliche Stimme ist im Vergleich zu vielen Instrumenten sehr zielgerichtet, was in einem 360-Grad-Saal eine Herausforderung ist.

Mittelmäßige Orchester mit mittelmäßigen Dirigenten und Elbphilharmonie – ganz ­besonders schwierig …

Ja, weil man sehr genau hört, was sie tun. Und was an ihnen nicht so gut ist. Dieser Saal fordert Orchester heraus, aber auch das ist ja gut. Am Anfang gab es einige Problemfälle, aber seit dem Sommer kaum mehr.

Wie oft mussten Sie frustrierte Dirigenten trösten, weil sie bei ihren Auftritten buchstäblich gegen die Wand, also die Weiße Haut im Großen Saal, gelaufen waren?

Ich kann mich nur an zwei Fälle erinnern, wo Dirigenten mit ihrem Konzept gescheitert sind. Wer, sage ich nicht, aber es waren Leute, von denen ich ­etwas halte. Manche andere haben ein wenig geschwitzt, aber trotzdem tolle Konzerte gegeben.

Kultursenator Carsten Brosda dachte neulich in einer Rede vor dem Übersee-Club auch über die Gefahr nach, ein Konzertsaal könne als „Schmuckstück der Macht“ benutzt werden.

Das ist bei allen derartigen Bauten eine Facette, aber gleichzeitig ist gute Kunst immanent subversiv. Wir fühlen uns kompromisslos unabhängig von den ­Erwartungshaltungen, was das Programm betrifft. In diesem Haus kann ­alles passieren, vom G-20-Konzert bis zur Performance im Kaistudio ist da eine große Bandbreite.

Auf einer „Den Abend hätte ich nicht gebraucht“-Skala von eins bis zehn – wo war da für Sie das G-20-Konzert?

Das ist ein komplexes Thema. Ich fand richtig, dass es hier stattgefunden hat. Die Problematik lag mehr in der Stadt und nicht in der Elbphilharmonie.

Ein weiteres Brosda-Zitat: „Die Selbstwahrnehmung der Stadt ist mit einem Mal mehr und mehr die einer Kulturstadt.“ Wie sicher sind Sie sich, dass das tatsächlich stimmt, aus unserer leicht betriebsblinden Kulturszenenteilhaber-Blase aus betrachtet?

Es ist ja auch in den anderen Kulturstädten so, dass nicht alle ständig in Kulturveranstaltungen rennen. Auch in Wien und München ist nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Stammkundschaft der Hochkultur. Aber die Elbphilharmonie hat in mancher Hinsicht das Eis gebrochen. Da lag so ein Potenzial brach an ­offenen, interessierten Menschen, die es vorher aus irgendwelchen Gründen nicht in klassische Konzerte geschafft hatten. Es ist uns zwar immer wieder mal gelungen, sie zu mobilisieren, mit besonderen Gastspielen oder einem ­Musikfest. Aber einen Monat später war die Laeiszhalle wieder vergessen. Die Elbphilharmonie führt dazu, dass plötzlich Tausende sagen: Ich mache jetzt Konzerte mit klassischer Musik zu einem regelmäßigen Bestandteil meines Lebens.

Sie reiten gerade die gesamte Stadt in eine Katastrophe, weil sie die Touristenmassen bald nicht mehr bewältigen kann.

Manche Leute wünschen sich das. Dass die Elbphilharmonie dermaßen viele Menschen anzieht, war ja so nicht ­geplant, ist aber trotzdem ein schöner Nebeneffekt. Das Programm machen wir dennoch für die Hamburger und nicht für die touristischen Besucher.

Die Elbphilharmonie als Spielstätte ist eine große, weithin sichtbare Ansage. Als Horizonterweiterungsgebäude ist sie vor allem ideelles Versprechen, eine andere Art der Wahrnehmung betreffend, den Blick auf Kultur und auf sich selbst. Wie wollen Sie dieses Versprechen weiterhin einlösen und in der Wirkung verstärken?

Die Dosis im Sinne von Menge lässt sich schwer weiter steigern. Auch wenn wir im ersten Jahr ein hervorragendes Programm geboten haben, bleiben wir auf der Suche nach außergewöhnlichen Konzertereignissen. Die Versprechung der Elbphilharmonie ist: Hier erlebst du Außergewöhnliches, was dein Leben ­bereichert.

Haben Sie ein besonders rührendes Beispiel parat?

Laufend bekomme ich das Feedback, dass Besucher nach einem Konzert völlig von den Socken waren. Besonders freut mich das nach Werken wie Berios „Coro“ oder Adams’ „Harmonielehre“, Klassikern des späten 20. Jahrhunderts also, die für mich eben vor allem Klassiker sind. Jetzt erleben viel mehr Menschen, wie ergreifend und wie aktuell diese ­Musik ist.

Treffen Sie noch Menschen, die sagen: Diese Bonzenbude ging mir schon vor der Eröffnung auf die Nerven, aber jetzt erst recht, wegen des anhaltenden riesigen Geweses?

Jemanden, der das Projekt grundsätzlich kritisiert, habe ich kaum noch getroffen, zumindest nicht von Angesicht zu Angesicht. Manche sind genervt wegen der Schwierigkeit, Karten zu bekommen. ­Daran arbeiten wir ja noch, aber bei der enormen Nachfrage ist das nun mal nicht einfach.

Ihre Terminprognose „Frühjahr 2019“ für das erste nicht ausverkaufte Konzert im Großen Saal, die gut ein Jahr alt ist, hat sich mittlerweile erledigt.

Man kann es insofern noch ­behaupten, weil es noch kein normales Konzert im Großen Saal gab, das nicht ausverkauft war. Die wenigen nicht ausverkauften Veranstaltungen waren entweder kein Konzert wie die Lesung von Salman Rushdie oder hatten abenteuerlich absurde Preise wie bei Bill Murray und Jan Vogler.

Wie sieht es beim Thema Schwarz- beziehungsweise Graumarkt für Karten aus? Werden nach wie vor viele über den Tisch gezogen, oder hat es sich gebessert?

Es ist besser geworden. Wir bekommen weniger Beschwerden, weil es sich rumgesprochen hat, dass man Konzertkarten lieber nicht bei Viagogo kaufen sollte. Bei manchen Konzerten haben sich die Schwarzhändler auch verzockt.

Gab es konkrete juristische Konsequenzen?

Ja, wir haben in einigen besonders krassen Fällen Anzeigen erstattet. Aber das größere Problem sind die Zweitmarktplattformen im Internet, die so professionell gemacht sind, dass sie den Eindruck einer offiziellen Verkaufsstelle vermitteln. Die sind aber nur Marktplatz für Wiederverkäufer mit oft völlig überhöhten Preisen. Am Ende beim Bezahlen kommen noch ungeheure, im Vorfeld nicht angekündigte Gebühren dazu. Im Fußball und bei gefragten Popkonzerten ist das Problem viel virulenter – betroffen ist eher Bayern München, nicht wir. Nur für Klassik-Fans ist das halt neu.

Zur Hardware: Fanden Sie die korrigierenden Baumaßnahmen – Geländer, Treppenstufen und so weiter – und die Aufregung darum angemessen?

Ja. Der Saal ist ausnehmend hoch. Mit dem Vorteil, dass jeder Platz gute Sicht hat, erkauft man sich eine Steilheit mit vielen Treppen. Die sind von den Architekten schick entworfen worden, aber nicht an jeder Stelle benutzerfreundlich. Seit im Sommer die Stufen besser markiert wurden, sind Unfälle radikal ­zurückgegangen.

Können Sie die Sommer-Spielpause in der touristischen Hochsaison beibehalten? Kann man sich das auf Dauer leisten, als Touristenmagnet?

Das Haus braucht einfach vier Wochen Schließzeit für technische Wartungen und Instandhaltungen. Deswegen wird der Juli wieder dicht sein, und im August spielen wir wieder. Das ist eine viel kürzere Pause als an den meisten vergleichbaren Häusern.

In der Elbphilharmonie läuft es, aber was haben Sie vor, um die Laeiszhalle mit mehr Kernrepertoire zu profilieren, als es die Symphoniker und das Ensemble Resonanz allein leisten können? Das Kernrepertoire ist dort mittlerweile Mangelware.

Konzerte werden veranstaltet, wo das Publikum ist und wo die Künstler hinwollen. Dass die beiden großen Hamburger Orchester die Laeiszhalle komplett verlassen, war so nicht geplant. Diese Lücke fällt auch dem Publikum auf.

Und es wird nicht darüber nachgedacht, dort nachzujustieren und die Rolle rückwärts zu machen, weil es terminlich nicht zu schaffen ist?

Wohl kaum, solange die Elbphilharmonie so ein Publikumsmagnet ist. Warum soll man ein Konzert, das in der Elbphilharmonie auf jeden Fall gut verkauft ist, in die Laeiszhalle legen und dort ein teures Gastorchester womöglich vor halb vollem Saal spielen lassen? Momentan würde das nicht viel Sinn machen. Das wird sich aber ändern, wenn die Elbphilharmonie nicht mehr jeden Abend automatisch ausverkauft ist. Und wenn die Künstler die Elbphilharmonie kennen­gelernt haben und auch mal sagen, war toll, aber beim nächsten Mal komme ich auch gerne wieder in die Laeiszhalle.

Wird in den nächsten Spielzeiten saalpassend nachgesteuert? Gastorchester X spielt großes Repertoire in der Elbphilharmonie am ersten Abend, aber Passenderes am zweiten in der Laeiszhalle?

Das ist ein aufwendiges Modell. Im Rahmen von Festivals kann das mal kommen, aber dass ein Gastspiel sich auf zwei Häuser aufteilt, ist nicht geplant.

Stichwort Säle: München will dringend einen neuen, London womöglich doch auch. Wozu raten Sie, wovon raten Sie denen ab?

Ich berichte von unseren Erfahrungen und sage: planen, planen, planen. Genügend Reserven einrichten, auf scheinbar Nebensächliches Wert legen. Schlimmster Fehler: einen Endtermin politisch vorzugeben. Die Elbphilharmonie hat sehr schön bewiesen, wie wichtig es ist, dass das Gebäude eine besondere Atmosphäre hat. Es ist wirklich bis in die letzte Besenkammer durchdacht und entsprechend ausgeführt. Noch das letzte Foyerlämpchen ist gut überlegt und dient dem Gesamterlebnis.

Sie haben für die Saison 2017/18 eine Verdreifachung der Zuschauerzahlen in Elbphilharmonie und Laeiszhalle prophezeit. Wo in etwa stehen Sie jetzt?

Die Elbphilharmonie ist leicht zu ­berechnen, da ist zurzeit Kapazität gleich Auslastung. In der Laeiszhalle müssen die Zahlen für die laufende Saison noch erhoben werden. Weit von der Verdreifachung sind wir jedenfalls nicht.

Sie erhielten für das Programm dieser ersten regulären Saison sechs Millionen Euro Zuschuss von der Stadt. Wie kamen Sie damit klar?

Die aktualisierten Budgets sehen ganz gut aus. Ob sich unterm Strich alles ausgeht wie geplant, wissen wir nach Ablauf des ersten regulären Geschäftsjahrs im Sommer 2018.

„Das Ziel des Unternehmens ist nicht Profit-, sondern Besucher- und Kunstmaximierung“, sagten Sie bei anderer Gelegenheit. Was heißt das konkret? Früher oder später gibt es doch die Mail vom Finanzsenator, die stramme Haushaltsdisziplin verordnet.

Diese Forderung kam bereits mit der ­Zusage der sechs Millionen. Die Frage ist also: Können wir mit diesen Subventionen die von der Bürgerschaft geforderten Leistungen erbringen? Da steht die Antwort noch aus, aber wir sind recht zuversichtlich, dass es die richtige Größenordnung ist. Wir arbeiten sehr professionell und nach streng unternehmerischen Kriterien, nur eben nicht mit ­finanzieller Gewinnabsicht. Je besser wir wirtschaften, desto mehr Mittel stehen für das künstlerische Programm und die Musikvermittlung zur Verfügung. In der Elbphilharmonie finden wesentlich mehr Konzerte statt als ursprünglich geplant. Allein im Großen Saal rund 100 mehr. Das bedeutet mehr Einnahmen, aber auch höhere Kosten. Das alles macht viel Freude, aber auch viel Arbeit. Nach Sommer 2018 wissen wir mehr.

Angesichts der hysterischen Nachfrage vor allem für den Großen Saal, die für Veranstalter ein Termin zum Gelddrucken ist, könnten Sie als Monopolist doch bald die Saalmieten erhöhen. Ist das geplant?

Zurzeit nicht. Es könnte theoretisch eine Konsequenz sein, falls sich herausstellt, dass der laufende Betrieb der Elbphilharmonie aus den Saalmieten nicht ­finanziert werden kann. Davon gehe ich aber nicht aus. Die Mieten sind auch recht hoch, das kann ich aus eigener leidvoller Erfahrung sagen, da wir für jede Eigenveranstaltung die volle Miete zahlen.

Kann die Elbphilharmonie tatsächlich alleiniger Motor der großen kulturpolitischen Renaissance an der Elbe sein? Alles sieht ständig auf Sie, Sie sollen es richten.

So einen Druck empfinde ich nicht. Es ist, wie es ist. Die Elbphilharmonie hat weltweites Interesse erzeugt. Trotzdem macht sie allein noch keine Kunst- oder Kulturstadt, wenn da nicht noch viel anderes in der Stadt passiert. Mehr Angebot erzeugt mehr Nachfrage. Es vibriert in der Stadt – nur noch nicht an allen Ecken.

Der nächste Ausfallschritt wäre, worauf in Dekadenabständen immer mal wieder ergebnislos herumgegrübelt wurde: ein großes, spartenübergreifendes Festival, ähnlich den Wiener Festwochen oder dem Holland Festival?

Es werden tatsächlich diesbezüglich Gespräche geführt, aber mit ungewissem Ausgang und ohne Zeitplan.

Wenn der NDR es nicht schafft oder nicht schaffen will, eine große Zahl der extrem ­beliebten und günstigen „Konzerte für Hamburg“ anzubieten, warum machen Sie das nicht einfach selbst, leicht verändert und mit anderem Namen, in Eigenregie?

Die „Konzerte für Hamburg“ verdanken sich einer Initiative von Thomas Hengelbrock und dem NDR und sind weiterhin ein gemeinsames Baby. Es wäre wohl nicht so gern gesehen, wenn das mit ­anderem Label fortgeführt würde. Die Frage ist auch: Haben wirklich die Billstedter zugeschlagen, als dort der Vorverkauf in der Bücherhalle stattfand – oder sind nicht eher die Eppendorfer nach Billstedt gefahren, um dort endlich an Elbphilharmonie-Karten zu kommen?

Bei Ihrem Residenzorchester vom NDR brannte am Jahresende in Sachen Chefdirigenten-Abgang der Busch. Was haben Sie als Generalintendant getan, um Ruhe und Kontinuität hineinzubekommen?

So viel ist da ja nicht passiert, außer dass die Kommunikation zu Thomas Hengelbrocks Nichtverlängerung und der ­Ankündigung seines Nachfolgers unglücklich nah aufeinanderfolgte. Das hat unnötigerweise viel Porzellan zerschlagen. So zerrüttet war das Verhältnis gar nicht. Beide – Chefdirigent und Orchester – waren auf einem guten Weg. Dass Hengelbrock mit der Ankündigung seines vorgezogenen Abgangs späte Rache übte – menschlich zu verstehen, aber nicht unbedingt zu begrüßen.

Manche, zuletzt kürzlich der „Spiegel“, ­sagen: Es gibt in Hamburg ein erstklassiges Konzerthaus, aber nur ein zweitklassiges Orchester.

Das NDR-Orchester bietet viele tolle Konzerte, wenn auch nicht immer in gleichbleibend hoher Qualität. Das tut dem Erfolg des Hauses, ehrlich gesagt, keinen Abbruch. In keinem Haus der Welt gibt es täglich Sternstunden.

Wie endet für Sie der Satz: „Noch ist das Programm in der Elbphilharmonie …“?

… so gut es nur sein kann … Weltklasse.“

Haben Sie Sponsorenkandidaten schon ­abgewiesen, weil Sie denen für ihr gutes Tun keine Karten mehr zusagen konnten?

Nein.

Sie sind jetzt in der Planung für die Spielzeiten 2019/20 und 2020/21. Das ist der Zeitraum, in dem einerseits Alan Gilbert das NDR-Orchester übernimmt und sich andererseits womöglich eine Begeisterungsdelle bei der Kundschaft einstellt, weil der Ausnahmezustand der ersten Jahre sich zum Normalzustand abschwächt. Wie wollen Sie dann gegensteuern, um den Schwung aufrechtzuerhalten?

So gut, wie das Haus ist, ist nicht zu ­erwarten, dass von einem Tag auf den anderen die Nachfrage einbricht. Große Namen und gängiges Repertoire werden auf viele Jahre vor vollem Haus stattfinden. Die Frage ist nur: Bis wann ist ein Konzert mit unbekanntem Repertoire und randständigen Künstlern automatisch ausverkauft, ab wann nicht mehr? Wir steuern bereits jetzt vor, in dem wir versuchen, dem Publikum Inhalte näherzubringen, im Internet, in Vorträgen. Was wir noch überhaupt nicht machen: die vielen Millionen Besucher aktiv zum Konzertbesuch zu motivieren, weil wir ja gar nicht die dafür notwendigen Plätze haben. Auch die dramaturgische Arbeit ist momentan etwas seltsam, weil sie ja kaum Einfluss auf das Publikumsverhalten hat. Das heißt aber nicht, dass wir deswegen davon lassen, im Gegenteil.

Wird darüber nachgedacht, tagsüber mehr zu machen als Hausführungen? Warum nicht Foyerbespielungen, Lunchkonzerte auf der Plaza? Genügend Spielfläche jenseits der Säle hätten Sie doch.

So viele Kapazitäten haben wir gar nicht, weder zeitlich noch räumlich noch personell. Obwohl wir alle Abteilungen aufgebohrt haben, operieren wir am Limit, nicht zuletzt durch die Steigerung der Konzertzahlen. Kleinere Konzerte auf der Plaza sind vorstellbar, haben es aber nicht eilig.

Als Musikstudenten-Streichquartett würde ich jede verfügbare Großmutter versetzen, um hier spielen zu können …

… das ist aber nicht so einfach: Fluchtwege, Akustik, Klima, Wind. Die Plaza ist ein Riesenverkehrsplatz mit bis zu 15.000 Besuchern täglich. Da gibt es kaum Möglichkeiten, um regelmäßig eine Bühne aufzustellen. Ebenso Foyerkonzerte: Es gibt wenig geeignete Flächen, keinen Stauraum für Stühle und Podeste. Untertags müssen die Foyers gereinigt werden, die Gastronomie für den Abend vorbereitet werden. Sobald man die Türen aufmacht, hat man 20 Mann Personalbesetzung. Alles ist mit großem Aufwand und großen Kosten verbunden.

Sie haben einmal sanft in einem Interview angedeutet, man könnte doch auch für die Plaza Eintritt nehmen, und wurden dafür sofort von oben eingenordet. Ist diese Zusatzeinnahme-Idee seitdem endgültig tot, kommt die nie wieder?

Das werden Senat und Bürgerschaft ­befinden. Es gibt gute Argumente dafür und dagegen. Ich bevorzuge den Status quo, weil er das Haus offener hält und die Menschen ohne Hemmschwelle die Elbphilharmonie schnuppern können.

Also wird darüber momentan noch nach­gedacht?

Ja, aber das ist keine Entscheidung des Managements. Die Festlegung, dass die Plaza kostenfrei ist, wurde von der Bürgerschaft mit zeitlicher Begrenzung bis Sommer 2018 getroffen. Sie wird daher wohl bald wieder Thema sein.

Sie könnten jeden Star, jedes Orchester für Ihren Spielplan haben. Aber wenn Sie freie Wahl hätten: Wer müsste es unbedingt sein?

Zu dieser Frage erzähle ich immer die gleiche Geschichte: dass ich mir Mark Hollis, den Sänger von Talk Talk, zurück auf die Bühne wünsche. Wünsche scheitern aber vor allem an Dispositionsthemen, doch das sind nur Fragen auf Zeit. Einige legendäre Namen müssen hier mal aufgetreten sein, Keith Jarrett beispielsweise. Das hat auch noch nicht ­geklappt. Aber auch da bin ich geduldig.

Lieber ein freier Abend oder ein Konzert im Großen Saal?

Schon lieber eins im Großen Saal. Aber ich gehe auch mal sehr gern in den Kleinen.

Zum Abschluss eine ganz einfache Frage: Was wäre Hamburg ohne die Elbphilharmonie?

Hamburg ist ohne Elbphilharmonie gar nicht mehr vorstellbar.