Hamburg

Jahreswechsel mit Pauken und Trompeten

In der Elbphilharmonie und der Laeiszhalle gaben die Philharmoniker, das NDR Elbphilharmonie Orchester und die Symphoniker ihre Silvesterkonzerte

Hamburg.  Der musikalische Spaß bei den Jahreswechsel-Konzerten ist immer auch eine Charakterfrage: Im Wiener Musikverein servierte Maestro Riccardo Muti, ganz die alte Schule, der Stammkundschaft Strauß-Walzer und -Polkas, als lebte in der Hofburg die liebe Sissi noch. Bei seinem Abschied von den Berlinern gönnte sich der Kosmopolit Sir Simon Rattle mit Passendem vom 2018er-Jubilar Leonard Bernstein aus dessen „White House Cantata“ eine smarte Spitze gegen Trumps dort frei drehenden Größenwahn, während Christian Thielemann – andere alte Schule – ausgerechnet in der Pegida-Hochburg Dresden auch kulturhistorisch belastete UFA-Durchhalteschlager à la „Davon geht die Welt nicht unter“ aufs Programm für die Sause in der Semperoper gesetzt hatte. Und als Kapellmeister im Sachsen von heute wieder mal blauäugig nicht verstehen mochte, was an derart gelockertem Umgang mit Propaganda-Erbgut aus dem Dritten Reich gefährlich sein kann.

Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano dagegen blieb seiner Linie als versonnener Grübler treu und zog für die ersten Erkenntnisschritte in Richtung 2018 die anspruchsvolleren Umwege über die Metaebenen vor. „Unsere Welt ist komplizierter geworden“, sagte er, die großen unbeantworteten oder gar unbeantwortbaren Fragen, über die Charles Ives sein „The Unanswered Question“ geschrieben hatte, die seien unser aller Lebenspartner. Diese sechs Minuten, mit denen Nagano das Philharmoniker-Konzert im Großen Saal am Silvestermorgen begann, waren Herausforderung und kluger Höhepunkt zugleich: Hauchdünn am Rande der Hörbarkeit spielende Streicher (oft erbarmungslos niedergehustet leider), einige Holzbläser, die unbeeindruckt in einer anderen Tempoebene dazwischengrätschten, und in den Hochebenen der 15. Etage der ratlos umherwandernde Solo-Trompeter, der immer wieder seine kurze Phrase wiederholte, auf klare Antwort hoffend, vergeblich, nicht aufgebend, weil das Leben nun mal auch derart sonderbar und unklar ist.

Eine Entdeckung noch: die beiden kurzen Orgelstücke des Franzosen Jehan Alain, mit denen Michel-Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener, leicht verspannt, bei seinem Gastspiel im anderen Hamburger Wahrzeichen überraschte; Werke, die in ihrer Eigenwilligkeit stark an Messiaen erinnerten und doch ihren ganz eigenen klangfarbenchangierenden Reiz hatten. Keine Entdeckung mehr: Kent Nagano verehrt Johann Sebastian Bach und dessen Musik von ganzem Herzen. Doch so sinnig die Kombination aus zwei auf die Ewigkeit zielenden Kantatenportionen über „O Ewigkeit, du Donnerwort“ auch war, so angenehm die Solostimmen, insbesondere der warm leuchtende Alt von Ida Aldrian, auch auffielen — Naganos Interpretations-Perspektive blieb gut gemeint konventionell und geruhsam kontrastarm. Für den Stimmungsumschwung von Furcht zu Hoffnung sorgte Mozarts feierlich-diesseitige Krönungsmesse mit dem Chor St. Michaelis (extra fein: Sopranistin Evgeniya Sotnikova im Agnus Dei), die ihren Optimismus über das Morgen so subtil zur Schau stellte, dass immer noch Platz für Zwischentöne blieb.

Die Konzeption der hiesigen Orchester-Kollegen war deutlich eindeutiger gewesen: Die Hörer beim Gala-Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters am Sonnabend und Sonntag hätten schon beim Blick auf den Titel des Programmhefts gewarnt sein müssen. Er zeigte – wer hätte das gedacht! – ein Feuerwerk. Ähnlich originell war die Stückauswahl: Hits wie „Una voce poco fa“ von Rossini oder „Ah! Je veux vivre“ von Gounod, dargeboten nach bewährtem Muster abwechselnd vom Orchester allein, mit Tenor, mit Sopran und am Schluss mit beiden. Und dann war die Präsentation auch noch so strohtrocken, als hätte es die Saisoneröffnungskonzerte mit NDR-Chefdirigent Thomas Hengelbrock nie gegeben. Wer einmal erlebt hat, wie der begnadete Entertainer Publikum und Künstler zu einer großen, musik- und glückstrunkenen Gemeinschaft verschmolz (in Hamburg wird er das wohl so bald nicht mehr tun), der möchte keine Gala von der Stange mehr, wie diese eine war. Der Dirigent James Conlon begnügte sich damit, die Töne zu verwalten, und nahm jenseits der Verbeugungen keinerlei Kontakt mit dem Publikum auf.

Dabei machte Olga Peretyatko als Diva vom Dienst ihm genügend Angebote. Gekleidet erst in Sternchenglitzer und dann in Vamp-Rot, reichte sie huldvoll Hände, gab die Unschuldige oder das Biest. Mit vollem, samtigem Timbre gurrte sie die Koloraturen und pflückte ihre Arabesken gleichsam aus der Luft.

Schade, dass Conlon und das Orchester es so oft verpassten, sich mit ihr in die Rubati zu schmiegen. Von der sinnlichen Selbstvergessenheit und der unverblümten Emotionalität des Belcanto war dieser Abend so weit entfernt wie Wangerooge bei Regen von einer Sommernacht in Verona. Ein Konzertorchester mutiert eben nicht über Nacht zum Opernorchester, das schon vorher ahnt, wann sich ein Sänger Freiheiten nimmt, und sich bei Bedarf über Taktstriche hinwegsetzt. Bei der federleichten Musik von Rossini klapperte es gewaltig. Mit Verdis saftiger Ouvertüre zu „La forza del destino“ und dem Intermezzo aus „Manon Lescaut“ von Puccini fühlten sich die Musiker hörbar wohler.

Wenige Stunden vor dem großen Knall boten die Symphoniker Hamburg, der eigenen Tradition treu bleibend, das Phänomen und die Publikumsnachfrage bedienend: Beethovens Neunte; da weiß man immer in etwa, was man daran hat und wie erhaben das erst am Ende wird, wenn sich der Götterfunke freut und alle Menschen, besungen auch vom Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor, Brüder werden. Intendant Daniel Kühnel betonte zunächst in seiner Begrüßungsrede die wichtige Kompassfunktion von Musik und Kultur, um Wahres von alternativen Fakten unterscheiden zu können, bevor Stefan Soltész im Großen Saal der Laeiszhalle ans Pult trat und mit oft arg übergroßem Schwung an jenes Werk ging, auf das gerade dieses Orchester um dieses Datum herum abonniert ist.

Mit dynamischen Feinheiten oder genauen Justierungen in der Stimmenbalance hielt sich niemand in den ersten zwei Sätzen auf, doch es sollte ja an diesem Feier-Abend auch nicht um Werk­erkundung gehen. Hin und wieder funkelte im dritten Satz eine Ahnung davon durch, wie abenteuerlich groß die anmutige Schönheit dieser Musik sein kann, bevor sie durch Stolperer in der Bläser-Balance wieder relativiert wurde. Im Finale sang Bassbariton Egils Silins seinen Part, als wäre der schon von Wagner, nicht von Beethoven, der Rest des Solisten-Quartetts blieb dennoch in der Spur, und Soltész fand tatsächlich noch einen Gang zum Höherschalten. Beifall, Prösterchen, Feuerwerk.

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