Hamburg

Die besten Brahms-Versteher kommen aus Bremen

Paavo Järvi mit Deutscher Kammerphilharmoniein der Elbphilharmonie

Hamburg.  Es war einmal ein Konzertsaal in Hamburg, da trat ein bemerkenswertes Orchester aus Bremen auf – und so gut wie niemand wollte es dort hören, obwohl es schon damals Beachtliches leistete. Dieses unverdiente Trauerspiel im Großen Saal der Musikhalle ­endete schnell. Das war 1994, als kulturelle Basisarbeit es gegen viele Widerstände noch sehr schwer hatte in dieser Stadt. Jetzt, Elbphilharmonie, Großer Saal, die 2017er-Version des gleichen ­Orchesters, das seit einigen Jahren Stammgast in Hamburg ist und im neuen Konzerthaus erstmals mit seinem Künstlerischen Leiter gastierte, und ­natürlich war das Konzert nun verdient voll. Die aktuelle Ironie dieses Kapitels aus der jüngeren hiesigen Musikgeschichte: Nachdem in den vergangenen Wochen sowohl Philharmoniker als auch Symphoniker mit Brahms' Zweiter ihre Interpretationssichten auf dessen Standard-Repertoire vorstellten und entweder die Tradition betonten oder den ­Effekt, hinterließ ausgerechnet das ­Orchester aus einer anderen Hansestadt mit der Vierten den nachhaltigsten und stärksten Brahmsversteher-Eindruck.

Auch Geigerin Viktoria Mullova war ein Hörgenuss

Dabei macht Paavo Järvi bei der ­Beschäftigung mit diesem Komponisten letztlich nur dort weiter, wo andere gern schnell die glättende Konvention walten lassen: kleine Besetzung, große Wirkung, knackig geschärfte Kontraste, ein sehr unsentimentales, sehr leidenschaftspralles ­Herangehen an die Materie, und immer eine enorme Transparenz in den Details. Beethovens Sinfonien wurden genau so von den Bremern noch weiter radikalisiert, Schumanns Weltschmerzen pfleglich unter die Lupe gelegt. Bei diesem Brahms à la Bremen war schon der Einstieg toll, und der Rest blieb dieser Linie treu: Wohlig weich und dennoch willensstark legte sich das Tutti ins erste Thema, machte es sich im Eleganten ­bequem und achtete doch sehr ­darauf, keine Energie unnötig zu verschwenden. Alles floss, nichts zerfloss, nichts verklumpte, die Holzbläser und die Hörner konnten ihre heiklen Soli barrierefrei ausreizen. Und da dieses ­Orchester nicht für ausufernde Besetzungsgrößen ­bekannt ist, hatte Järvi beim kammermusikalischen Umgang vier dynamisch klug gestaltete Sätze lang leichtes, sehniges Spiel.

Kontrastprogramm zum Beginn war Wagners "Waldweben", ein Stückchen umgeschmiedeter "Ring" aus dem "Siegfried", bei dem man buchstäblich jeden Ast, ­jedes Lindenblatt hören statt nur ahnen konnte. Die klärende Saal-Akustik machte es möglich, die Kammerphilharmonie hatte die Nervenstärke dafür. Und mit Viktoria Mullova die passgenaue Solistin für das g-Moll-Violinkonzert von Prokofiev – keine brave Virtuosin, keine Musterschülerin, die die Motorik abfertigt und darauf achtet, Klangschönheit für wichtiger zu halten als gestalterische Eigenwilligkeiten. Den ersten und den dritten Satz spielte sie so feinmotorisch uneitel, wie sie gespielt gehören. Den Mittelsatz verzauberte Mullova mit zartbitterer Anmut in einen Schneeprinzesschen-Walzer, geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Coolness und Kühle tänzelnd.

Aktuelle CD: "Brahms Sinfonie Nr. 2 / Tragische Ouvertüre / Akademische Festouvertüre" (RCA). Konzerte: 7.2. Laeiszhalle: Haydns "Jahreszeiten", 13./14.4., Elbphilharmonie: Schubert, u. a. mit Matthias Goerne

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