Hamburg

Telemann auf der Blockflöte

Ein Festival und eine Büste zu Ehren des lange unterschätzten Komponisten

Hamburg.  In den falschen Händen kann diese Kombination furchterregende Höchststrafe sein und an Körperverletzung grenzen: Telemann auf der Blockflöte. Sie kann aber auch einen ganzen Konzertabend mühelos tragen und mit deutlichem Erkenntniszuwachs über die verspielte Anmut deutscher Barockmusik enden lassen. Schön also, dass kurz vor Ende des Hamburger Telemann-Festivals genau dieser Kon­stellation ein extrafeines Programm gewidmet wurde, das durch und durch, nun ja: wirklich ganz liebreizend war. Denn so gekonnt, so prallvoll mit Überraschungsmomenten und Raffinesse wie von „Il Giardino Armonico“ dahingezaubert, bekommt man Telemann-Konzerte für Blockflöte mit Streichern und Basso continuo wohl nicht so schnell und so schön wieder zu hören.

Giovanni Antonini, langjähriger Leiter und mit offenbar unverbrauchtem Überzeugungsdrang gesegnet, verpasste diesem Repertoire als Solist fröhliche Frische und Schwung; er tänzelte und flötete sich mit atemraubender Rasanz durch alle Register, die sein Instrumentchen gerade noch liefern kann, ohne wegen spontaner Überhitzung Feuer zu fangen. Das war elegant und alles andere als die gern angeprangerte Dutzendware. Es sollte aber noch besser und überraschender kommen, mit einigen Werken, bei denen Antonini und sein Co-Solist Tindaro Capuano ihre Flöten gegen Alt- und Tenor-Chalumeaux austauschten, die handlichen Klarinetten-Vorläufer, die nur eine leise, sanfte Ahnung davon geben, wie dieses Instrument sich später klanglich steigern würde. Unwiderstehlich niedlich, wie sich die beiden Solostimmen, sanft gestützt durch das klitzekleine Continuo, unentwegt umeinanderwanden und aneinanderschmiegten, und wie gut diese ungewohnte, schon leicht vorklassische Klangfarbe zu Telemanns spät­barocker Ausdruckspalette passte.

Vor diese Bravourstücke hatte das hiesige Telemann-Timing noch einen Festakt im Brahms-Foyer ins Programm aufgenommen: Die Lücke zwischen Clara Schumann und Alfred Schnittke sollte sich schließen. In diese Lücke, genauer: in jene Büsten-Nische zog am Sonnabend ein Abbild Telemanns ins Brahms-Foyer ein. Noch allerdings muss man sich das Ewigkeitsmaterial Marmor denken – dieser Telemann kam aus dem 3-D-Drucker, als Platzhalter vorerst, ein Akt der Notwehr.

Die hiesige Telemann-Stiftung und die ortsansässige Telemann-Gesellschaft hatten sich für diese späte, aber nicht zu späte Ehrenrettungsmaßnahme zusammengetan. Und um auch dem Wunsch der Laeiszhallen-Stifterfamilie zu entsprechen, ausschließlich Hamburger oder in Hamburg tätige Größen neben der bereits vorhandenen Prominenz der letzten Jahrhunderte zu postieren. Die Zeitpläne für die Marmor-Version eines Terrakotta-Telemanns, den Gertraud Wendlandt entworfen hatte, ließen sich nicht halten. Doch nach rund vier Jahren Vorarbeit vor Ort und jahrhundertelanger Unterschätzung und Ignoranz kommt es auf die Wartezeit auch nicht an, bis der finale Telemann, vom Schweizer Erwin Müller gestaltet, seinen Stammplatz einnehmen wird. Zwei Nischen sind im Brahms-Foyer noch frei, ein interessantes Symbol für die momentane Dynamik der Musikstadt Hamburg.

CD-Tipp: Il Giardino Armonico „Telemann: Suiten für Blockflöte & Chalumeaux“
(Alpha/Note 1)

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