Hamburg

Totentanz und Fegefeuer im Großen Saal

Die Symphoniker Hamburg überzeugten mit einem spektakulären Programm

Hamburg.  Die „Reformations­deka­de“ mag geringfügig überdimensioniert gewesen sein. Die Symphoniker Hamburg allerdings haben die Mittel aus dem dazugehörigen Topf gut genutzt und auf ihren Streifzügen durch das geistliche Repertoire Kostbarkeiten zutage gefördert, etwa den „Totentanz“ von Thomas Adès von 2013, den Jeffrey Tate im vergangenen Jahr in der Laeiszhalle dirigierte.

Seither hat sich die Welt schmerzlich schnell weitergedreht. Fast ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Chefdirigenten haben sich die Musiker Detlev Glanerts „Requiem für Hieronymus Bosch“ vorgenommen. Das Stück wurde 2016 anlässlich des 500. Todestags des Malers im niederländischen s’-Hertogenbosch aus der Taufe gehoben, die Erstaufführung in der Elbphilharmonie nun leitete Markus Stenz.

Bosch hat heute den Rang eines verfrühten Popstars. Die Frivolität der Szenen und Fabelwesen auf seinen Wimmelbildern ist aber eine Empfindung der Nachgeborenen und blendet aus, welche Ängste Bosch – wie der mittelalterliche Mensch überhaupt – aushalten musste. Fegefeuer und Hölle drohten für jeden Fehltritt. Glanert hat denn auch nicht die Bilder vertont, sondern Boschs Auffassung vom Tod. Er spart dafür nicht mit spektakulären Effekten. Noch kein Konzert im Großen Saal dürfte mit einem so markerschütternden Schrei begonnen haben. Ernst Stötzners „Hieronymus Bosch!“ kehrt in Varianten wieder zwischen den Abschnitten der katholischen Totenmesse, die Glanert mit Texten über Dämonen und die sieben Todsünden verschränkt. Alles in Latein.

Dass es nicht akademisch zugeht, sondern packend, dafür sorgt die farbige, emotional oft hoch aufgeladene Musik. Sie erreicht wohl jeden im Saal, von den archaisch wirkenden schlichten Chorpassagen des „Requiem Aeternam“ bis zu den Blech- und Schlagzeuggewittern der Todsünde Zorn.

Stenz hält den Riesenladen souverän zusammen. Eine richtige Raumklangwirkung stellt sich allerdings nicht ein, obwohl ein Fernchor von hoch oben über der Bühne singt. Die Streicher bleiben unterbelichtet, die Gesangssolisten an der Bühnenrückwand klanglich inhomogen. Trotz kleiner, der kapriziösen Akustik geschuldeter Fußnoten: ein tief beeindruckender Abend. Einer von der Sorte, die einen zum Nachdenken bringt. Wir schauen auf Boschs Ängste wie in einen fernen Spiegel.

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