Hamburg

Bravos für eine kaum bekannte Telemann-Oper

Das Festival zu Ehren des Komponisten, das noch bis zum 3. Dezember läuft, erwischte einen großartigen Start

Hamburg.  Es geht also, mehrfach, und mit Bravo-Rufen am Ende. Spontaner Szenenapplaus in einer kaum bekannten Telemann-Oper ist tatsächlich in Hamburg möglich; in jener Stadt, in der er 46 Jahre lang gelebt und deren Ruf als tonkunstsinnige Musikmetro­pole er poliert hatte, wofür man ihn vor 250 Jahren dort begrub, wo jetzt das Rathaus steht, und zum Dank posthum fast komplett vergaß.

Man muss allerdings schon außergewöhnlich handverlesene Interpreten und Experten aufbieten, sonst ermüdet so ein gut dreistündiges Stück, routiniert gestrickt nach den strengen Konventionen des deutschen Barocks, schneller, als sich „Da-capo-Arie“ sagen lässt. Am Freitag, im Großen Saal der Laeiszhalle, bestand bei „Miriways“, Baujahr 1728, einer der vielen Gänsemarkt-Opern des hiesigen Ex-Superstars, die seitdem aber in der Versenkung verschwunden war, keine Einschlafgefahr. Als Auftaktausgrabung war die im exotischen Persien angesiedelte Postenpoker-Geschichte mit ihren genrebewährten Zutaten – strenggütige Fürsten, verzwickter Liebesklimbim, moralisch dubiose Nebenrollen, launige Lebensweisheiten und Entzücken über alles und jeden im Finale – eine ideale Wahl für das ehrgeizige Telemann-Festival-Sortiment. Dass das ehrenrettende Fachkräfte-Orchester, die Akademie für Alte Musik Berlin, für die NDR-Reihe „Das Alte Werk“ aus Berlin importiert werden musste, ist Teil des hiesigen musikhistorischen Treppenwitzes. In derart guten Händen, mit derart guten Stimmen wurde schnell Telemanns musikalische Handschrift deutlich: Er ist als Publikumsentertainer weniger ex­trem in den Gefühlsregungen als sein Zeitgenosse Händel, doch gerade diese emotionale Mittellage verpackt er in kunstvolles, elegantes Umgehen mit dem zeittypischen Ausdrucksvokabular.

Duette sind Mangelware, Ensem­blenummern erst recht, dafür verlangt Telemann im Hin und Her von Rezitativ und Arie höchste Aufmerksamkeit beim Verzieren und Phrasieren. Die bekam „Miriways“ durchgängig, nicht zuletzt durch den stilsicher wirkenden Dirigenten Bernard Labadie, dem kanadischen Gründer des Kammerorchesters Les Violons du Roy.

Besonders beeindruckend: der kurzfristig für den erkrankten Michael Volle eingesprungene Bariton André Morsch in der Titelrolle, dem man diesen Notfall nicht anhörte. Auch Robin Johannsen in der Hosenrolle des persischen Prinzen Sophi, Annett Fritsch und Lydia Teuscher leisteten in ihren Partien Großartiges, indem sie jede Arie, und sei sie oberflächlich noch so erwartbar konstruiert, mit Überraschungsmomenten aufblühen ließen.

Und Telemann selbst hatte diesen Genuss gekonnt mit instrumentalen Spezialeffekten verfeinert, die in ihrer Sparsamkeit umso charmanter zur Geltung kamen, wenn beispielsweise „angenehme Westenwinde“ von den Flöten dazugesäuselt wurden oder ein Palastfeuer so plakativ aus dem Orchesterchen loderte, dass man bei der konzertanten Aufführung keine einzige Requisite vermisste. In dieser Oper über den Fürsten von Kandahar und Protektor von Persien wurde mit exotisch klingendem Schellentrommeln und Naturhörnern nachgewürzt, die sich apart in ihren Tongirlanden verwirbelten. Eine durch und durch gelungene Ensembleleistung, stimmig und kurzweilig, die auf höchstem Niveau bewies: Telemann geht in Hamburg. Man muss nur können.

Infos zum Telemann-Festival: www.ndr.de/telemann-festival. Im Juni 2018 bringt die Staatsoper Telemanns „Miriways“ als Studioproduktion auf die Bühne der Opera stabile