Elbphilharmonie

Wenn „Miss Tagesschau“ Möhren ausspuckt

„Tagessschau“-Sprecherin
Linda Zervakis wird von Matze Hielscher für
seinen Podcast „Hotel Matze“ interviewt

Foto: holtermann.tv / OMR

„Tagessschau“-Sprecherin Linda Zervakis wird von Matze Hielscher für seinen Podcast „Hotel Matze“ interviewt Foto: holtermann.tv / OMR

Podcast-Nacht: Linda Zervakis berichtet von ihrer Jugend. Internet-Experten prophezeien Deutschlands Untergang.

Hamburg.  Am Ende bleiben zwei erschreckende Erkenntnisse: In zehn Jahren wird Deutschland ein Entwicklungsland sein, und „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis hat als Kind ihre Mitschüler mit Karottenstückchen ­bespuckt. Außerdem behält man nach diesem Abend noch im Kopf, dass Fußballexperten ganz schön selbstverliebt sein können und nicht alle Veranstaltungen die Elbphilharmonie zu füllen vermögen. Gescheitert ist das riskante Projekt OMR-Podcast-Nacht von Philipp Westermeyer trotzdem nicht.

Zur Aufzeichnung von drei Podcasts, also Internet-Audios, hatte der Erfinder der jährlichen Konferenz der Online-Marketing-Rockstars (OMR), ins Konzerthaus geladen. Das machte den Großen Saal zur Bühne für drei sehr unterschiedliche Kurz-Talkshows. ­Zuerst wurde „Tagesschau“-Sprecherin Zervakis für den Podcast „Hotel Matze“ über ihr Privatleben interviewt. Danach simpelten drei mittelbekannte Herren für den MML-Podcast über Fußball, und am Ende prophezeite Start-up-Investor und „Höhle der Löwen“-Juror Frank Thelen den Untergang Europas.

Zervakis brachte den Saal zum Lachen

Dass der Auftakt gelang, war das Verdienst der komödiantisch veranlagten „Tagesschau“-Frau Zervakis, die den mit rund 1900 Zuschauern erstmals nicht ganz gefüllten Saal immer wieder zum Lachen brachte. Etwa mit Berichten über ihre Schulzeit, in der sie wegen ihrer griechischen Herkunft als „Tzatziki“ verspottet wurde – und sich gegen Gehänsel wehrte, indem sie von den ­Eltern mitgegebene Karotten in kleine Teile zerschnitt und sich in die Wangen steckte, um sie dann auf jeden Angreifer einzeln geschossartig auszuspucken.

Auch heute gehe es ihr nicht immer besser, so die 42-Jährige, die (wie auch immer) mit High Heels auf dem Fahrrad in die Elbphilharmonie gekommen war. Im Schwimmbad eines Altenheims, in das sie immer mit ihren Kindern gehe, habe kürzlich eine Frau ganz aufgeregt ihrem Mann „Das ist sie, das ist sie“ zugerufen, als sie Zervakis gesehen habe. Woraufhin der Alte sich aus dem Wasser gereckt und über Zervakis hinweg in Richtung seiner Frau gesagt habe: „Jo, aber im Fährnseeen siehtse besser aus.“

Handys geschwenkt

Die Journalistin verriet dann noch, wie sie manchmal beim Vorlesen der Weltnachrichten plötzlich daran denke, dass sie am nächsten Tag auf dem Markt noch Gurken holen müsse. Oder wie sie versucht habe, durch kleine Zeichen während der „Tagesschau“ Grüße an spezielle Zuschauer zu schicken – was sie dann aber doch immer aus dem Tritt bringe. Auf die Frage, was Menschen später einmal von ihr im Gedächtnis behalten sollten, sagte sie: „Die hat immer eine wahnsinnig tolle Frisur gehabt.“

Nach Zervakis stiefelten mit Maik Nöcker, Micky Beisenherz und Lucas Vogelsang die Experten des Fußball-Podcasts MML auf die Bühne – und nervten mit minutenlangen Versuchen, ein Selfie zu machen, mit dem sie (wem auch immer) beweisen wollten, dass sie mal in der Elbphilharmonie waren. ­Obwohl der Podcast im Netz hohe Einschaltquoten hat, verfing das bisweilen auch akustisch schwer verständliche, selten witzige Geplauder über Nationalmannschaft und Bundesliga hier kaum. Da half es auch nicht, dass bald auch der bekannte HSV-Fan Helm-Peter auf die Bühne kam und nach Alkohol verlangte.

Schräger Männerchor

Ein echter Höhepunkt des Abends war der folgende Auftritt des schrägen Männerchors der „Hamburger Goldkehlchen“, zu dessen Version von Barry Manilows „Mandy“ im ganzen Saal leuchtende Smartphones geschwenkt wurden. Danach wurde es ernst und bitter. In seinem eigenen Podcast sprach Philipp Westermeyer mit den millionenschweren Start-up-Investoren Frank Thelen und Sven Schmidt über die ­Zukunft der deutschen Wirtschaft – und die sahen beide schwarz.

Deutschland sei gut darin, jedes Jahr um ein paar Prozent in allen Bereichen besser zu werden, sagte Thelen. Das aber reiche nicht mehr. Jetzt brauche die Wirtschaft große Entwicklungssprünge, wie man sie etwa bei E-Auto--Hersteller Tesla beobachte. Weil Deutschland keine weltweiten „Champions“ habe, könnte es in zehn Jahren ein „Entwicklungsland“ sein, so Thelen. „Die nächsten zehn Jahre werden die tiefgreifendsten Veränderungen bringen, die die Menschheit je erlebt hat.“

Unterschiedliche Themen

Sven Schmidt kritisierte, dass sich Europa, anders als China, nie durch Schutzmaßnahmen gegen die Übermacht von Amazon, Apple, Facebook und Google geschützt habe. Nur mit Protektionismus hätte man eigene Entwicklungen voranbringen können. Nun aber sei man nicht nur auf sämtlichen Smartphones, sondern überhaupt den US-Giganten ausgeliefert. Falls dagegen überhaupt noch etwas helfe, dann nur die Zerschlagung der großen vier.

Dass der gut zweistündige Abend trotz so unterschiedlicher Themen und böser Prophezeiungen dennoch Spaß machte, hatte auch mit dem stets ziel­sicher eingesetzten trockenen Humor von Moderator Michel Abdollahi zu tun. Podcast-Nacht-Erfinder Westermeyer zeigte sich mit der Premiere jedenfalls „sehr zufrieden“, auch wenn man „trotzdem viel verbessern“ könne. Das wolle er auch tun – bei der nächsten Podcast-Nacht im kommenden Jahr.

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