Neuerscheinung

Juli Zehs böser Roman aus der Zukunft: Vision oder Satire?

Die Autorin Juli Zeh zieht nach ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ das Tempo an: „Leere Herzen“ ist ein Thriller

Foto: Thomas Müller

Die Autorin Juli Zeh zieht nach ihrem Erfolgsroman „Unterleuten“ das Tempo an: „Leere Herzen“ ist ein Thriller

Die Bestsellerautorin hat einen düsteren Thriller geschrieben, in dem die Demokratie auf dem Spiel steht. Was die Autorin bewegt.

Hamburg. Als Angela Merkel abtrat ("Eine Träne lief ihr über das Gesicht), ging die Demokratie gleich mit. Die Besorgte-Bürger-Bewegung mit Neu-Kanzlerin Regula Freyer bringt "Effizienzpakete" auf den Weg, mithilfe derer demokratische Strukturen verschlankt und parlamentarische Gremien abgeschafft werden. Das passt gut in eine Zeit, in der laut einer Umfrage 67 Prozent die Waschmaschine wählten, wenn sie zwischen Waschmaschine und Wahlrecht entscheiden müssten.

Populisten wie Donald Trump sind völlig normal. Separatismus ist es auch. In manchen Schulen herrscht Handyverbot, öffentliches Smartphone-Nutzen ist verpönt. Nach Metropolen-Hype und Landlust sind jetzt die lange vergessenen Mittelstädte dran. Prenzlauer Berg ist so was von gestern, die Gegenwart heißt Funktion und Nüchternheit, also in diesem Falle: Braunschweig.

Morbide Grundstimmung

Dorthin verpflanzt Juli Zeh die Helden – allesamt Schattengewächse einer eher düsteren Zeit – in ihrem neuen Roman "Leere Herzen", der jetzt erscheint und irgendwo zwischen Politthriller, Negativutopie und dunkler Komödie angesiedelt ist. Es ist das Jahr 2025, die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, ist in ihren Bestandteilen gut zu erkennen. Nur dass sich auf Konsumzwang und Spiellust, auf die Verabschiedung aus den Bürger- und Beteiligungspflichten eine ziemlich morbide Grundstimmung gelegt hat.

Juli Zeh, die Autorin des Bestsellers "Unterleuten", ist in ihrem neuen Buch eine nicht anders als fies zu nennende Erzählerin. Das fängt mit der Vorabbemerkung "Da. So seid ihr" an; die wirft sie den Lesern in diesem doch wohl vor allem moralisch gemeinten Roman mit lockerer Geste vor die Füße. Und wenn wir wirklich so sind, dann droht uns Ungeheuerliches: nämlich eine Welt, in der wir mit vollen Händen und leeren Herzen nicht nur die Demokratie verraten, sondern in einer letzten verzweifelten Aktion Selbstmord begehen. Das dann aber für eine gute Sache.

Psychotherapie für die Lebensmüden

Und da kommen Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi ins Spiel. Beziehungsweise ihre nur vordergründig therapeutische Beratungsfirma "Die Brücke", die mit einem Algorithmus den Suizidalitätsfaktor von Internetnutzern errechnet. Die Selbstmordrate ist hoch, es ist ja alles, wirklich alles zum finalen Sich-Verdünnisieren: "Zu wenig Bewegung. Dekadenz. Schuldkomplexe. Das Versagen der Neunzigerjahre-Eltern bei der Kindererziehung."

Proaktiv gehen Britta und Babak auf die Lebensmüden zu und kurieren sie mit den Mitteln der Psychotherapie. Klappt das nicht, tritt die eigentliche Losung in Kraft. Dann wird halt das Ursprungsvorhaben befeuert: der Selbstmord. Aber in seiner Terror-Version, nämlich für eine höhere Sache. "Die Brücke" vermittelt Selbstmordattentäter an Institutionen, die sich ein wenig mehr Aufmerksamkeit erhoffen für ihre Anliegen. Oft sind das gute. Tierschutz zum Beispiel. Ökoaktivismus mit einem Toten, das ist die Devise. "Die Brücke" ist der erste "Terrordienstleister der Republik". Zum Kodex gehören explizit keine Kollateralschäden.

Der Plot ist am Ende egal

Verrückt genug ist das Geschäftsmodell aber immer noch, um nicht zu sagen: richtig schön zynisch. Vor allem, weil gerade Britta, aus deren Sicht hier meist erzählt wird, die Idealfigur der ent-idealisierten und unpolitischen Wohlstandsgesellschaft ist. Sie ist reich geworden mit ihrer Firma, und dann tritt plötzlich Konkurrenz auf – in Form einer Gruppe, die das Suizidterrorkonzept von Britta mehr schlecht als recht kopiert. Die Emporkömmlinge müssen ausgeschaltet werden, entstammen derweil aber krude-sinistren Zusammenhängen und sind extrem gefährlich. Bundesnachrichtendienstagenten, Merkel-Rächer, dem Tod geweihte Lolitas: Mit Genre-typisch zügig hingeworfenen und kuriosen Charakteren mischt Juli Zeh einen reißerischen Plot, der am Ende eigentlich völlig egal ist.

Siegeszug der Politikverdrossenen

Eigentlich geht es Zeh, die eine der wichtigen Intellektuellen in diesem Land ist und eine der wenigen Schriftstellerinnen, die sich für gesellschaftliche Themen einsetzen und ihre Stimme erheben, um die Botschaft. Das "umgekippte Jahrhundert", das sie beschreibt, ist eines, in denen emotional und sozial ausgehöhlte Menschen nur noch ihr Ego sehen, nicht mehr die Gemeinschaft. Es sind keine Zaunpfähle, sondern ausgewachsene Zäune, mit denen die mit vielen Wassern gewaschene Top-Erzählerin Zeh hier hantiert.

Die Welt, wie sie gezeigt wird, ist so schlecht und traurig, wie sie ist, weil Politikverdrossene den Siegeszug der Antidemokraten ermöglicht haben. Den Pegida-Verschnitt "Besorgte-Bürger-Bewegung" schont Zeh übrigens; bloß nicht reizen, die Schmuddelkinder des bürgerschaftlichen Engagements. Vielleicht wäre das platte Referieren von fremdenfeindlichen Scheußlichkeiten der regierenden "besorgten Bürger" aber auch zu langweilig. Ein prima pädagogisches Unterrichtsmittel der Bundeszentrale für politische Bildung ist "Leere Herzen" allemal – mit ultra-rechtschaffener Schlusspointe.

Schicksal oder doch Satire?

Mit ihrem neuen Roman verteidigt Juli Zeh ihre Stellung als literarische Allzweckwaffe. War "Unterleuten" der durchaus geglückte Versuch, ein breites Gesellschaftspanorama im Stile eines Jonathan Franzen zu schaffen, schaltet Zeh mit "Leere Herzen" nun in den ­Dave-Eggers-, den "The Circle"-Modus.

Unsere gesellschaftliche Realität hyperbolisch zu Ende gedacht, dazu eine Portion Thrill: Dann weiß keiner mehr, ob das hier ein Blick auf unser aller Schicksal oder doch nur Satire ist. Und wählen gehen wir bei der nächsten Wahl aber wirklich alle.

Eine Schriftstellerin, die sich einmischt

Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und lebt mit ihrer Familie in Brandenburg. Der erste literarische Erfolg der Juristin war 2001 ­"Adler und Engel".

Die Schriftstellerin ist ein gern gesehener Gast in politischen Talkshows und bezieht wie in der NSA-Affäre 2013 politisch Stellung. 2009 veröffentlichte sie gemeinsam mit Ilija Trojanow das Buch "Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte".

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