Elbphilarmonie

Ergreifender Fado von einer, die sich in Hamburg wohlfühlt

Carminho sang bei ihrem Konzert  Lieder von Tom Jobim

Foto: Claudia Höhne

Carminho sang bei ihrem Konzert Lieder von Tom Jobim Foto: Claudia Höhne

Die portugiesische Sängerin Carminho betörte mit ihrem Konzert im Großen Saal der Elbphilharmonie. Von der Einsamkeit im Scheinwerfer.

Hamburg.  Eine Stunde vor ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie postet Carminho auf Instagram und Facebook Bilder aus dem Großen Saal. Mit Herz-Smiley. Und als sie nach drei Liedern erstmals das Wort ans Publikum richtet, dreht sie sich mit einem Lächeln langsam in alle Richtungen und sagt mit leicht heiserer Stimme, die Hamburger müssten wohl sehr stolz auf dieses ­Gebäude sein. Ihr sei es jedenfalls eine große Ehre, hier auftreten zu dürfen.

Auch zehn Monate nach dem Start des Konzertbetriebs ist noch keine Routine eingekehrt, gibt es jede Menge ­Debüts und Staunen. Künstlern geht es ebenso wie Besuchern: Die Selfie-Dichte ist hoch an diesem Sonnabend, auf dem Gang zum Platz wird die Weiße Haut ehrfürchtig abgetastet. Dass der Große Saal dennoch nicht zum alleinigen Star des Abends wird, liegt an einer Frau, die zur jungen Garde der Fado-Sängerinnen ­gehört, die tief in der Tradition einer Amália Rodrigues verwurzelt und doch zu neuen Ufern aufgebrochen ist: Maria do Carmo de Carvalho Rebelo de Andrade, kurz Carminho.

Zugaben ohne Mikrofon

Im Fado-Museum von Lissabon hat sie längst ihren Platz und ist – ähnlich wie Misia, Mariza oder Cristina Branco – auch weit über ihre Heimat hinaus ­bekannt. Nach Hamburg ist sie mit Liedern des legendären brasilianischen Komponisten Tom Jobim (1927–1994) gekommen, von dem Klassiker wie „The Girl From Ipanema“, „Desafinado“ oder „Águas de Marco“ stammen.

„Carminho canta Tom Jobim“ heißt die zugehörige CD, auf der mit Sohn Paulo (Gitarre) und Enkel Daniel (Piano) auch zwei Mitglieder der Jobim-Familie zu hören sind. „Mein Sicherheitsnetz“, sagt die 33-Jährige, als sie die beiden im Laufe des Konzerts ebenso vorstellt wie Cellist Jacques Morelenbaum und Schlagzeuger Paulo Braga. Ein Sicherheitsnetz, das sie eigentlich nicht braucht, bei einer so unverkennbaren Stimme, die im kurzen Zugabenblock auch ohne Mikro durch den ganzen Saal trägt. Und bei der stets selbst auf die raren Momente des Lebensglücks ein zarter Schatten fällt.

Wunderschönes Leiden im Scheinwerfer

Schon früher hatte sie mit Stars des Música Popular Brasileira zusammen­gearbeitet, für ihr aktuelles Album traf sie sich mit Marisa Monte, Maria Bethânia und Chico Buarque im Studio und stellte wieder einmal fest, wie groß die Mentalitätsunterschiede sind: Auch größtes Liebesglück werde in Portugal in melancholische Moll-Töne gepackt, während in Brasilien selbst verzehrendes Liebesleid in vergleichsweise fröhlicher Dur-Tonart erklinge.

Ihr Elbphilharmonie-Konzert hat beides: Momente der Verzweiflung, in denen Carminho ganz allein im Scheinwerferkegel gegen die Einsamkeit ­ansingt und – man kann es nicht anders ­sagen – einfach wunderschön leidet. Und fröhlichere Nummern mit Bossa-nova-Einschlag, bei denen sie trotz ­unfallträchtiger High Heels ein paar Tanzschritte wagt und sich im Rhythmus wiegt. Eine perfekte Kombination, die sich auch in den begeistert ­erklatschten Zugaben wiederfindet: Auf ein hoch emotionales Solo, bei dem die Spannung im Saal so groß ist, dass niemand sich auf seinem Platz auch nur einen Millimeter zu bewegen wagt, folgt das sonnige „Vou te contar“, das ganz oben im 16. Stock sogar einige Tänzer von den Sitzen reißt.

Am Ende noch ein Hamburg-Foto

Der Auftritt hat noch ein kleines Nachspiel: Am nächsten Morgen postet Carminho noch ein Hamburg-Foto: aus einem gemütlichen Frühstückslokal. Sieht ganz so aus, als habe sie sich hier wirklich wohlgefühlt.

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