Kultur

Lektüre für eine kurze Nacht

Genau genommen sind es zwei Dübel in der Wand, die garantieren, dass meine Versorgung mit Bettlektüre nicht im Wortsinne abreißt. Sie allein halten die freischwebende Ablage, auf der sich bisweilen so viele angelesene Werke stapeln, dass ich mich tatsächlich um deren Halt sorge. Andererseits wären sie selbst schuld an ihrem Absturz, denn bei manchen schlief ich sogar mehrfach über dem immergleichen Absatz ein.

Nur ein Genre lässt mich verlässlich Zeit und Müdigkeit vergessen: Biografien. Alltagsnah, schicksalhaft, geerdet, man muss beim Lesen nichts mehr ordnen, denn das tat zuvor das Leben schon. So las ich zuletzt Henning Mankells Altersbilanz, den neu entdeckten Kriegsbericht des jungen Siegfried Lenz und Robert Seethalers "Ein ganzes Leben". Und gerade liegt da noch die Originalfassung "Between Them" des pulitzerprämierten Richard Ford ("Independence Day"). Die Übersetzung "Zwischen ihnen" wird dem Doppelsinn leider nicht gerecht, denn Ford geht es weniger um die Verortung seiner Kindheit bei Mutter und Vater. Vielmehr versucht er nachträglich, deren eng vertrautes Leben zu ergründen, denn sie waren offenbar ein schweigsam eingeschworenes Paar. Er ein in sich gekehrter, herzkranker Handelsreisender, sie die loyale Weggefährtin, nach ihrem Bruch mit dem sittenstrengen eigenen Elternhaus allemal. Zwei unspektakuläre und doch dramatische Biografien, die Ford nach dem frühen Tod des Vaters und dem späten der Mutter brillant präsentiert und zugleich, in seiner angenehm bilderreichen Sprache, ein prägendes Stück amerikanischer Zeitgeschichte.

Kein sehr dickes Buch übrigens. Es passt in eine kurze Nacht. Und schont die Dübel.

Klaus Scherer (56) ist Autor und Redakteur beim NDR. Als ARD-Korrespondent berichtete er aus Tokio und Washington. Er schrieb u. a. den Bestseller "Wahnsinn Amerika".

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