Kultur

Neue Jazz-CDs, die in trüben Tagen das Herz wärmen

Hach, ist das schön. In eine Holzkirche auf den Lofoten hatte Pianist Bugge Wesseltoft sich zurückgezogen, um sein Album "Everybody Loves Angels" (ACT) einzuspielen. Herausgekommen ist eine akustische Entschleunigung, die wunderbar entspannt dahinfließt und helfen könnte, in hektischen Vorweihnachtstagen den Puls zu senken. Als Meister der Besinnlichkeit hat Wesseltoft sich viele bekannte Songs vorgenommen, denen er seinen Kommt-mal-runter-Stempel aufdrückt. Es gibt ein bisschen Bach und Weyse (1774–1842), einen Traditional und eine kurze Eigenkomposition, vor allem aber Bearbeitungen diverser Welthits von "Bridge Over Troubled Water" über "Morning Has Broken" bis zu "Blowing In The Wind". Die spielt Bugge Wesseltoft natürlich nicht eins zu eins nach, sondern nimmt sie eher als Ausgangspunkt. Vorteil: Der Hörer hakt ein ("Kenn ich!"), ist aber nicht sofort gelangweilt. Eine Wohlfühlplatte, wie gemacht fürs gemütliche Adventsfrühstück.

Deutlich dynamischer geht es beim Livemitschnitt "Jazz At Berlin Philharmonic VII" (ACT) zu, der ein Konzert vom Mai 2016 dokumentiert. Damals trafen die Pianisten Lezek Mozdzer, Iiro Rantala und Michael Wollny aufeinander, spielten eigene Kompositionen, aber auch Klassiker wie Leonard Bernsteins "Candide Overture", George Gershwins "Summertime" und "Chick Coreas "La Fiesta". Die Begeisterung der Musiker überträgt sich hörbar aufs Publikum, das ganz hingerissen ist von einer Nummer wie "Freedom" (sehr passender Titel!). Mit Fuß auf der Bremse haben es die drei nicht so, stattdessen feiern sie mit geradezu rockiger Note virtuos die Freiheit des Jazz. Und melancholisch können sie es auch, zeigen insbesondere Mozdzer und Rantala mit "Africa", einer Sehnsuchtsnummer, die sensiblen Gemütern die Tränen in die Augen treibt. Ein Album wie ein Nordsee-Strandspaziergang im Winter: Ein wenig fordernd, aber hinterher fühlt man sich gut durchgelüftet und geradezu befreit.

Kamasi Washington war vor zwei Jahren der Jazz-Newcomer schlechthin. Sein Debüt "The Epic" hieß nicht umsonst so: ein Epos auf 3 CDs, getragen vom Geist spiritueller Jazzgrößen wie Pharoah Sanders und John Coltrane. Mit "Harmony Of Difference" (Young Turks) legt der Saxofonist mit der Afro-Mähne nun nach. Diesmal belässt er es bei einer EP, die aber mit 32 Minuten Spielzeit deutlich in Richtung Albumlänge geht. Darauf: eine sechsteilige Suite, die ihre Premiere im Whitney Museum of American Art als Filmsoundtrack und Begleitung zur Ausstellung von Washingtons malender Schwester Amani hatte. In der Tradition von Klassikern wie "A Love Su­preme" (Coltrane) oder "The Creator Has A Masterplan" (Sanders) geht es auch hier ums große Ganze, etwa um "Desire" (Verlangen), "Humility" (Demut) oder "Truth" (Wahrheit). Ein warmes, seelenvolles Album mit unüberhörbarer ­Love-&-Peace-Botschaft, ein echter Düstere-Gedanken-Vertreiber. Nach Nummern wie dem souligen "Know­ledge" oder dem potenziellen Tanzflächenfüller "Integrity" möchte man am liebsten spontan zwei bis drei Menschen umarmen. Und das ist doch ganz schön.

Konzerte:
Bugge Wesseltoft
Mo 4.12., 20.00, Kultur­kirche Altona, Karten zu 34,20 im Vorverkauf
25 Jahre Act Music Di 5.12., 20.00, Elbphilharmonie, Großer Saal, ggf. Restkarten an der Abendkasse

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