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Graphic Novels: Die Flüchtlingsthematik im Comic

Der Rettung so nah wie dem Tod: Flüchtlingsszene aus dem Mittelmeer in „Liebe deinen Nächsten“

Der Rettung so nah wie dem Tod: Flüchtlingsszene aus dem Mittelmeer in „Liebe deinen Nächsten“

Foto: RB / Splitter Verlag

Drei neue Graphic Novels zeigen das Schicksal von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen und dabei ihr Leben aufs Spiel setzen.

Hamburg.  Ganz oben, im Norden der Welt, die hier Europa heißt, fließt alles zusammen und sammelt sich in einem Bild. Dem von den in dicke Anoraks gehüllten Afghanen und Afrikanern, die in einem alten Pkw gerade in Finnland angekommen sind. Carlos Spottorno und Guillermo Abril, zwei Journalisten aus Spanien, haben über mehrere Jahre die Außengrenzen der EU bereist, also auch diejenige zu Russland. In Estland, von Finnland aus betrachtet gleich um die Ecke, geht es im Falle von Grenzsicherung eher um etwaige russische Expansionsbestrebungen.

Aber in Griechenland, in der in Afrika gelegenen spanischen Exklave Melilla, in Bulgarien und auf dem Mittelmeer bedeutet Grenzsicherung vor allem Flüchtlingselend. Spottorno und Abril besuchten die Lager und die Kommandozentralen der Grenzsicherer – und damit zwei komplett gegensätzliche Welten.

Aus dem Geist der Humanität gezeichnet

Ihre Graphic Novel trägt also nicht zufälligerweise den Titel „Der Riss“. Riss meint einerseits die Grenze, die die Wohlstandsinsel Europa von seiner ärmeren Nachbarschaft trennt. Und Riss meint auch die Zerrissenheit Europas selbst, das seine Haltung den Bedürftigen und Multikulti gegenüber noch nicht der neuen globalen Ordnung angepasst hat.

„Der Riss“ ist dabei nur eine von drei Comic-Neuerscheinungen, die sich dem Thema Flucht nach Europa widmet – auch Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer begaben sich für „Liebe deinen Nächsten“ und Olivier Kugler für „Dem Krieg entronnen“ auf Reportagetour. Mit jener Vor-Ort-Berichterstattung funktionierte die Meinungsbildung zum hochproblematischen Thema „Flüchtlinge“ im besten Fall. Aus dem Geist von Empathie und humanitärer Geste sind dann auch alle drei Bücher gestaltet.

Wobei die Form „Graphic Novel“ in jedem Fall ausgereizt wird. Olivier Kugler reiste im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen nach Calais (in den sogenannten „Dschungel“, der Zeltstadt für Ausreisewillige nach England), auf die griechische Insel Kos, in den Nordirak und nach Süddeutschland, wo er syrische Flüchtlinge traf und interviewte.

Das Ergebnis sind eindringliche Zeichnungen und Skizzen von Menschen und Unterkünften, detailreich und genau. Aber weil Gesichtsausdrücke zwar die ganze Geschichte erzählen können, aber jede Geschichte eben doch anders ist, bestehen die Migrations-Miniaturen Kuglers vor allem aus viel Text. In bunten Farben und auch unterschiedlichen Schriftgrößen. Collageartig entfaltet sich so die Lebenswelt der Flüchtenden.

Das macht seinen Comic zu einer eher spröden Angelegenheit, was im Grunde jedoch für alle drei Arbeiten gilt. Sie sind journalistisch, und das heißt: mit moralischem Furor geschrieben. Der Comic von Gaby von Borstel und Peter Eickmeyer heißt unmissverständlich „Liebe deinen Nächsten“ und folgt in ästhetischer Hinsicht wie der Band von Carlos Spottorno und Guillermo Abril dem Prinzip des Fotorealismus.

Großformatige Porträts

Das Autorenduo verbrachte drei Wochen an Bord eines Rettungsschiffs der Hilfsorganisation SOS Mediterranee. Ihr Interesse zielte auf die internationale Crew, die aus Professionellen und Ehrenamtlichen bestand, und vor allem die Migranten, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihr Leben erst einmal riskieren. In den Schlauchbooten, deren Bergung die Autoren in unmittelbarer Nähe beiwohnten – auch hier gilt: Eindringliche Zeichnungen sorgen für ein hohes Maß an Plastizität des Themas. Die Zeichnungen rücken die Schicksale unnachgiebig ins Blickfeld des Betrachters. Besonders dann, wenn in großformatigen Porträts der Fokus auf die Menschen gerichtet wird, die in den Norden wollen. Ziemlich sachlich gehaltene Textblöcke, die die Hintergründe der jeweiligen Personen und die Vorgänge um die Seerettung erklären, gesellen sich neben den Bildteil.

Der komplexeste Comic ist der von Spottorno und Abril. Die Szenen im Mittelmeer ähneln denen von „Liebe deinen Nächsten“, und insgesamt ist „Der Riss“ in der Abbildung der Wirklichkeit am radikalsten: Die Reisen an die von den Migranten bestürmten Enden Europas werden zum kaum noch verfremdeten Bildermeer. Die Fotos wurden nachkoloriert, was sie Zeichnungen ähnlicher macht. Textkästen erklären die Aufnahmen von Flüchtigen, Sicherheitskräften und Helfern. Die Komposition der Szenen lässt durchaus interpretatorische Freiräume, aber die Tendenz ist klar: Es dreht sich alles um die zweigeteilte Welt, in der wir leben; die einen auf der reichen, die anderen auf der armen Seite.

Carlos Spottorno und Guillermo Abril stellen am 11.11. in der Fabrique (Gängeviertel) ihr Buch vor. Beginn 19.30 Uhr, Eintritt frei