Thalia

Die Zukunft der Welt verhandeln – im Theater mit Eklat

Die „Generalversammlung“ in 
der Berliner 
Schaubühne wurde ins Nachtasyl übertragen

Die „Generalversammlung“ in der Berliner Schaubühne wurde ins Nachtasyl übertragen

Foto: DANIEL SEIFFERT

Die „Generalversammlung“ des Schweizer Regisseurs Milo Rau sorgt für Diskussionen über politische Bühnenkunst – auch im Thalia Nachtasyl.

Hamburg.  Am Sonnabend, morgens um 10 Uhr, ist noch nicht viel los im Nachtasyl des Thalia Theaters. Keine typische Theaterzeit, später wird es voller. Gestärkt mit Brezel und Kaffee starten die Besucher in die Weltpolitik. Auf großer Leinwand geht hier und in vier weiteren europäischen Theatern per Livestream die „Generalversammlung“ über die Bühne, installiert von dem Schweizer Theatermacher Milo Rau. An der Berliner Schaubühne tagt ein Weltparlament. Nicht weniger.

Die 60 Abgeordneten allerdings sind nicht demokratisch legitimiert, sondern von Rau und seinem Team gecastet. Drei Tage lang verhandeln sie die großen globalen Fragen. Am Ende stimmen sie über die Paragrafen einer „Charta für das 21. Jahrhundert“ ab, die zu einem späteren Zeitpunkt dem Bundestag überbracht werden soll. Am 7. November soll es zudem einen symbolischen „Sturm auf den Reichstag“ geben.

Flüchtlinge, Krieg und Klima

Unter der Leitung von Khushi Kabir, einer Menschenrechtsaktivistin aus Bangladesch, erheben hier die „Unterrepräsentierten und Nichtgehörten“ der Welt ihre Stimme. Wissenschaftler, Journalisten, Aktivisten, Filmemacher, Tierrechtler, Politiker. Es wird viel geredet, über Flüchtlingsströme und Warenströme, Kriege und Klima. Ziel ist eine transnationale Instanz, die Recht und Gerechtigkeit sichern soll in einer globalisierten Welt, in der jede regionale Entscheidung – auch von übernationalen Wirtschaftskonzernen – Einfluss auf Menschen hat, die sich dagegen nicht demokratisch wehren können.

Ein Sprecher der Kurdengemeinschaft träumt vom eigenen Staat. Eine afrikanische Aktivistin gegen Menschenhandel spricht von den Problemen des Gebens und Nehmens in Bezug auf Afrika. Die meisten Anträge werden mit großer Mehrheit abgenickt: Freizügigkeit, offene Grenzen, gleiche Chancen für alle. Beim kulturellen Erbe beginnt der Dissens. Die polnische Dragqueen mit vietnamesischen Wurzeln und die junge Muslimin mit Wurzeln in Marokko kommen nicht überein, was das denn sein soll. Die Welt ist vielfältig.

Es kommt zum Eklat

Dann wird es richtig kontrovers. Völkerrechtliche Verbrechen sollen fortlaufend von einer übergeordneten Instanz aufgearbeitet werden. Als ein Anhänger der Erdogan-Partei AKP den Genozid an den Armeniern leugnet, kommt es zum Eklat. Milo Rau verweist ihn des Saales. Die politischen Beobachter wollen, dass er zurückgerufen wird. Am Ende bleibt er weg, weil er nicht noch ein viertes Mal reden darf. Rau räumt einen Einladungsfehler ein. „Für einige von uns ist es nicht Theater, wir sind hier nicht, um Ihre Schauspieler zu sein“, ereifert sich da auch die Vorsitzende Khushi Kabir.

Spätestens jetzt zeigen sich die Grenzen des Wunsches nach einer funktionierenden Schicksalsgemeinschaft und dieses Theaterexperiments und damit der Kunst auf. Das ist auch Kern der Diskussion am Sonnabend im Thalia-Nachtasyl. „Es wurde über den Traum von universellen Bürgerrechten über Grenzen hinweg geredet“, so der Hamburger Journalist Christoph Twickel. Es bleibe aber „staged reality“: „Es gehört eine Großbehauptung dazu zu sagen das ist jetzt die Generalversammlung.“ Und das von einem weißen, europäischen Theatermacher.

Bestimmte Meinungen, etwa die von Neonationalisten und Grenzbefürwortern, seien hier nur vereinzelt, etwa durch einen polnischen Journalisten vertreten. Für Thalia-Dramaturg Matthias Günther bleibt die Frage: „Wie kann politisches Theater aussehen? Kann politisches Theater realpolitische Folgen haben?“ Für Thalia-Chefdramaturgin Julia Lochte wurden viele Assoziationsfelder aufgemacht. Das Endprodukt der Charta, das habe schon etwas von französischer Revolution, findet sie. Es werfe viele Fragen auf. „Auf eine Lücke hinzuweisen, dass das, was auf nationaler Ebene entschieden wird, Auswirkungen auf die ganze Welt hat, darüber lohnt es sich nachzudenken“, so Lochte.

Milo Rau hat Erfahrung mit Versammlungen dieser Art. Sein sehenswerter Film „Das Kongo Tribunal“ läuft am 16. November auch in den Hamburger Kinos an. Hier hat er in einem lokalen Konflikt, dem Kongo-Krieg im Zusammenhang mit dem Kampf um Hightech-Rohstoffe, Opfer und Täter zusammengebracht. Zwei Minister wurden danach entlassen. Aktien fielen. Die „Generalversammlung“ zeigt, dass sich dieses Kunstprinzip nicht so einfach auf eine komplexe Welt übertragen lässt. Einen Versuch – und wenn auch nur symbolisch – ist es im Sinne der Zukunft aller trotzdem wert.