Hamburg

Einfach nur die Wahrheit

Wolfgang Schorlaus Krimi, dessen Verfilmung das ZDF heute zeigt, beschäftigt sich mit den NSU-Morden

Hamburg. Es ist ein Thriller von aktueller Brisanz: In „Dengler – Die schützende Hand“, der dritten Verfilmung eines Kriminalromans von Wolfgang Schorlau, geht es vor dem Hintergrund des NSU-Prozesses um die Frage, wie die Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt starben. War es Selbstmord, wie die offizielle Lesart lautet, oder war es Mord? Privatermittler Georg Dengler (Ronald Zehrfeld) erhält den Auftrag, das zu klären. Mit seiner Freundin, der Hackerin Olga (Birgit Minichmayr), will Dengler der Sache auf den Grund gehen. Regie in dieser eindringlichen ZDF-Verfilmung führt Lars Kraume, der auch das Drehbuch schrieb. Wir sprachen mit Wolfgang Schorlau über Film, Roman und seine Recherchen.

Waren die Recherchen zu „Die schützende Hand“ eigentlich Ihre bislang schwierigsten?

Wolfgang Schorlau: Ja, dieses Buch hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. Teilweise war ich mit schon geheimdienstlichen Methoden unterwegs, meine Freunde waren immer beunruhigt, wenn ich gesagt habe, dass ich heute mal wieder ohne Handy unterwegs bin. Zudem habe ich das erste Mal mit einem Profi-Rechercheur zusammengearbeitet, der Zugang zu bestimmtem Aktenmaterial hatte, an das ich allein nicht herangekommen wäre.

Was war das größte Problem?

Die Unmenge an Material zu sichten. Und dabei entstand langsam das Entsetzen darüber, dass die Fakten, die wir in den Akten gefunden hatten, nicht zusammenpassten mit der offiziellen Version der Morde und der Überfälle.

Sie haben die Dokumente an deren Leerstellen mit Fiktion aufgefüllt. Auch der Film greift diese Erzählweise auf. „Ich will einfach nur die Wahrheit herausfinden. Wenn es möglich ist“, sagt Dengler. Geht es darum in Film und Roman?

Ja, das ist ein Motiv. Sagen, was ist – das haben wir mit Buch und Film probiert. Genauer: Sagen, was wir herausgefunden haben. Dass nämlich die offizielle Darstellung der NSU-Geschichte nicht wahr sein kann.

Der Film setzt das kammerspielartig um.

Im Buch habe ich den Leser ja Dengler beim Studium der Akten über die Schulter schauen lassen. Mir war nicht klar, wie man diesen Vorgang filmisch umsetzen kann. Aber Regisseur Lars Kraume hat eine Methode gefunden, das in der Tat als eine Art Kammerspiel in diesem nachgebauten Wohnwagen sichtbar zu machen. Das ist eine gute filmische Lösung.

Die pseudodokumentarischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen unterstützen diese Erzählweise.

Genau. Im Buch habe ich versucht, deutlich zu machen, dass es wahr ist, was ich schreibe. Deshalb musste ich zu beim Kriminalroman ungewöhnlichen Mitteln greifen, wie etwa Fußnoten. Aber dadurch wird die Geschichte für den Leser glaubhaft: Was du hier liest, hat sich wirklich so zugetragen. Im Film sollen das die Schwarz-Weiß-Sequenzen vermitteln.

Die filmische Dramaturgie ist zwangsläufig eine andere als die des Romans. Wie geht man als Autor damit um, dass die eigene Geschichte stark umgebaut wird? Ist das Loslassen schmerzhaft?

Schon. Ich habe lange Gespräche mit Lars Kraume geführt, ich musste ihm ja vertrauen können. Letztlich hatte ich aber das Gefühl, dass meine Figuren bei ihm in guten Händen sind. Erst als ich dieses Gefühl hatte, habe ich auch die Verträge unterschrieben, weil ich von vielen Kollegen weiß, wie unzufrieden sie mit den Verfilmungen sind.

Wie weit sind Sie in die Entstehung des Films, in das Drehbuchschreiben eingebunden?

Regie und Produzent sind so freundlich, dass sie nach meiner Meinung zum Drehbuch fragen …

Sie sind also eine Art Korrektiv …

… so kann man das sagen, ich kann Korrekturen anbringen, aber es ist nicht mehr mein Werk, sondern das des Regisseurs.

Georg Dengler wirkt im Film ein wenig wie besessen, auch überheblich. Sind Figur und Autor an Grenzen gestoßen?

Ja, Dengler wird ein wenig verrückt darüber. Über den NSU-Fall kannst du auch verrückt werden – wenn du zwei Jahre lang, wie mein Rechercheur und ich, daran gearbeitet hast und dann zu der Erkenntnis kommst, dass die Öffentlichkeit in einem Ausmaß angelogen worden ist, das man einfach nicht für möglich gehalten hat. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder du bist einer der wenigen, die ungefähr wissen, wie es wirklich war, oder du hast einen Knall. Und ich war mir bei meinen Recherchen nicht immer sicher, auf welcher Seite ich mich gerade befinde. Ich muss wohl akzeptieren, dass es bei uns möglich ist, auf bodenlose Weise belogen zu werden.

Sie verfolgen ja den aktuellen NSU-Prozess genau. Wer ist dichter dran an der Wahrheit – Film und Roman oder das Oberlandesgericht in München?

Ich befürchte, es sind Roman und Film.

„Dengler – Die schützende Hand“,
Mo. (6.11.), 20.15 Uhr, ZDF
Wolfgang Schorlau liest, Sa. (11.11.), 20 Uhr, Kampnagel, Karten: 15,50 Euro bei Heymann, in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18–32, und unter T. 040/30 30 98 98