Hamburg

Richard Strauss: Elbphilharmonie als Musikmuseum

Marek Janowski dirigiert das Philharmonische Staatsorchester

Hamburg. Es dauert nur zwei, drei Takte, schon ist es da, dieses schwere, melancholisch-trübe Leuchten, wie es nur Richard Strauss in Noten schreiben konnte: Musik, eingelegt in unverdünnte Nostalgie. Hamburg, Sonntagmittag, im Großen Saal der Elbphilharmonie sitzen die Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters, die Stimmführer der Streicher spielen das Sextett aus „Ca­priccio“, Dirigent Marek Janowski dirigiert mit bloßen Händen. Das Orchester sitzt wie ein schlafender Riese drum herum, für die „Capriccio“-Schlussszene und in der „Alpensinfonie“ im zweiten Teil wird es zu handfester Hochform auflaufen, aber so weit ist es noch nicht.

Das Sextett ist ein Stück in komplex gebauter Harmlosigkeit, ein großes, in sich gekehrtes Schwelgen in gemischten Gefühlen. Und wenn man weiß, dass der Komponist mit diesem Stück sein Lebenswerk für beendet erklärte, bekommt das Werk noch eine ganz eigene, neue Note: als ein unaufhaltsam fortschreitendes Stück Musik, das keinem vorhersehbaren Spannungsbogen folgt, man stolpert beim Hören in Momente größer Schönheit, die man, wenn man nur könnte, gern festhalten würde, und irgendwann ist es vorbei.

Die Musiker servieren das alles verbindlich und makellos, aber auch ein wenig distanziert, und dieses Grundgefühl legt sich über das übrige Programm. Hier und heute werden die großen Emotionen nur ausgestellt und besichtigt, sie übertragen sich auch so, aber die Elbphilharmonie ist diesmal ausnahmsweise das Musikmuseum, als das sie gerade nicht gebaut wurde. Vielleicht ist das auch die bessere, sicherere Art, mit der Ware eines Gefühlsgroßhändlers wie Richard Strauss umzugehen: um sich nicht allzu schwer anzustecken mit der leuchtenden Nostalgie. Echtes Leben findet diesmal nur im Rückspiegel statt.

Nur die „Capriccio“-Schlussszene mit Wilhelm Schwinghammer und vor allem Michaela Kaune als Solisten bildet da die Ausnahme, zumal Michaela Kaunes Sopran wie angegossen in den Saal passt, die Stimme blüht im Forte auf, verliert aber ihre Fülle auch in den leisen Stellen nicht.

Das Bergpanorama, als das Strauss die „Alpensinfonie“ anlegt, malen die Musiker unter Janowski mit breitem Pinsel und reichlich Farbe – hinter jeder Phrase, auch den leisen und beiläufigen, steht in der sensiblen, hochauflösenden Akustik des Hauses jetzt ein Ausrufezeichen, die Musik, die anfangs noch nostalgisch leuchtete, strahlt jetzt in gleißender und ein bisschen zu diesseitiger Sehnsucht. Janowski hat wenig Lust auf Schwelgereien, er holt die notierte Musik aus der Vergangenheit hier in den Saal, und es reicht auch für einen guten Morgen, der ganz und gar nicht so grau ist wie der, der von draußen durch die Tageslichtklappen in den Saal strömt. Doch dies sind die einzigen Fenster, die sich zwischen dem ersten Ton und dem letzten öffnen.

Das 2. Philharmonische Konzert wird am heutigen Montag, 6. November, um 20 Uhr wiederholt. Es ist ebenfalls ausverkauft, vereinzelte Restkarten mit Glück an der Abendkasse.