Lübeck

Starkes Kino über Immigration und Integration

Die 59. Nordischen Filmtagein Lübeck zeigten spannende skandinavische Arbeiten

Lübeck. Es sieht so aus, als sei der Besucherrekord von 32.000 Zuschauern der Nordischen Filmtage in Lübeck erneut übertroffen worden. 195 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum, Hamburg und Schleswig-Holstein waren dort bis zum Sonntag zu sehen. Den Hauptpreis des Festivals, den NDR-Kulturpreis, gewann das dänische Drama „Der Charmeur“, das Spielfilmdebüt von Regisseur Milad Alami.

Der Siegerfilm erzählt von einem gebürtigen Iraner, der seit zwei Jahren in Dänemark lebt. Um dauerhaft bleiben zu können, sucht er nach einer Frau, die für ihn bürgt. Als er eine findet und tatsächlich große Gefühle entwickelt, wird die Sache kompliziert. Regisseur Milami, der selbst im Iran geboren wurde, passt mit seinem Migrationshintergrund ebenso zu einem roten Faden des diesjährigen Festivals – Immigration und Integration – wie der Gewinner des Publikumspreises der „Lübecker Nachrichten“. Er ging an das norwegische Drama „Was werden die Leute sagen“ von Iram Haq. Protagonistin Nisha sitzt als Kind pakistanischer Eltern in Norwegen zwischen ihrem eigenen Freiheitsdrang und den restriktiven Moralvorstellungen ihrer Familie. Als sich ein junger Norweger für sie interessiert, entführt sie ihr unerbittlicher Vater nach Pakistan.

Der Film von großer emotionaler Wucht beruht auf autobiografischen Erfahrungen seiner Regisseurin. Erst als ihr Vater an Krebs erkrankte, hat sie sich mit ihm versöhnt. Am Ende wollte er selbst unbedingt, dass sie diesen Film macht. Das Drama kommt im Frühjahr in unsere Kinos.

Die Filmförderung führte zu „geheimen Plätzen“ der Stadt

Die Filmpreisnacht im Theater Lübeck wurde von Yared Dibaba launig und nicht uneitel moderiert. In einem dem Gruselclown Pennywise aus dem Film „Es“ empfundenen Outfit kam er auf die Bühne und kündigte Preisträger und Laudatoren des starken Jahrgangs an.

Ein Schwerpunkt im Programm waren Filme zum Thema „100 Jahre Finnland“. Aber auch die anderen Länder hatten starke Beiträge am Start, wie zum Beispiel Island mit der hinreißenden Komödie „Unter dem Baum“ von Hafsteinn Gunnar Sigurdsson um einen heftig eskalierenden Nachbarschaftsstreit. In dessen Zentrum steht ein großer Baum, der Schatten auf das Nachbargrundstück der Besitzer wirft. Es beginnt mit harmlosen verbalen Auseinandersetzungen. Schließlich entführt eine Frau den Schäferhund ihrer verhassten Nachbarn, lässt ihn einschläfern und ausstopfen und stellt ihnen das Ex-Lieblingstier so wieder vor die Tür. Und das ist noch nicht das Ende des Streits. Im Programm liefen auch Serien, Dokumentarfilme, Kurz-, Kinder- und Jugendfilme sowie eine Retrospektive. In einem Kino mit Kuppelleinwand konnten sich die Zuschauer mithilfe von VR-Brillen durch 360-Grad-Filme bewegen. Im Rahmenprogramm bot die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein einen alternativen Stadtrundgang zu „geheimen Plätzen“ in Lübeck an, die Filmemacher anlocken sollte. Sie führte von alternativen Wohn- und Arbeitsprojekten auf der Wallhalbinsel „Walli“ über ein ehemaliges Rotlichtviertel, versteckte Gänge bis hin zum Europäischen Hansemuseum.

Im kommenden Jahr werden die Nordischen Filmtage, das größte Schaufenster des skandinavischen Films außerhalb dieser Länder, ihr 60. Jubiläum feiern. Wenn es gut läuft, erneut mit einem Besucherrekord.