Hamburg

Festival "Greatest Hits": Muss man wollen, kann man mögen

Altmeister des elbphilharmonischen Abends auf Kampnagel: der ungarische Komponist Peter Eötvös

Hamburg. Eine kleine, dunkle Halle. Vor den Rängen posierten vier Standmixer, etliche antike Monitore, ein prähistorischer Nadeldrucker und andere Resterampe-Klangquellen, denen beim Klappern, Gurgeln und streng choreografierten Durchdrehen zugehört wurde. Und an den Ranggeländern hingen als Dekoration geöffnete Festplatten wie anderswo Lichterketten. Avantgarde-Klassiker, gewürzt mit Video-Loops an Kabelsalat – als niedlicher, dann aber doch eher gestrig verschrobener Auftakt für das "Greatest Hits"-Festival war das aus Florenz importierte "Symphony Device"-Klangtheater genau das Richtige, um sich vor die Ohren führen zu lassen: Es gibt auch das Sonderbare, Sperrige nicht erst seit gestern. Muss man wollen, kann man mögen. Es braucht ja nicht immer Mainstream zu sein.

Die eigentliche Musik des Eröffnungsabends jedoch fand in der großen K6-Arena statt. Altmeister des Abends war der ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös, in dieser Saison Residenzkünstler der Elbphilharmonie. Kürzlich erst hatte er seine großorchestrale Etüde "Multiversum" mit dem Amsterdamer Concertgebouw im Großen Saal uraufgeführt, nun gab es mehr davon, anders, kleiner, vielschichtiger.

Für das Klangforum Wien ist die Beschäftigung mit dieser Musik eh Heimspiel, die kammermusikalische Transparenz, mit der Eötvös die Instrumenten-Kleingruppen durch seinen musikalischen Gedankenaustausch "Shadows" lotste, war beachtlich. Eötvös hatte dafür Ereignisfelder entworfen, zwischen denen die Instrumente ihre Ideenfragmente testeten oder verwarfen. Und er hat sich eine Spezialbesetzung in die Partitur geschrieben, die sich mit ihrem Bläser-Streicher-Mix klar von klassischen Formaten abgrenzte.

Noch interessanter wurde es in der "Sonata per sei", der Abstraktion eines Konzerts für zwei Klaviere, ein Keyboard und drei Schlagzeuger. Bartóks Rhythmusbehandlung schimmerte stellenweise durch, getragen und zusammengehalten von virtuos ausgereizter Motorik, während Eötvös mit sparsamen Gesten wohlwollende Anwesenheit signalisierte, die nicht stören sollte. Erst in "Chinese Opera" war die Abstimmungsnotwendigkeit so groß, dass Eötvös' Einsätze deutlicher wurden und zeigten, wie anspruchsvoll und ideenstark dieser drei Jahrzehnte alte Klassiker nach wie vor ist.

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