Hamburg

Warum Schiller keine Wohnung braucht

Der Electro-Pop-Star kommt am 9. November ins Mehr! Theater – ein Gespräch mit einem überzeugten Weltenbummler

Hamburg. In einer Studentenbude in Barmbek-Süd gründete Christopher von Deylen, geboren 1970 in Visselhövede in der Lüneburger Heide, 1988 das Musikprojekt Schiller. Seitdem sind neun Ambient-Electro-Alben ent­standen, die mittlerweile wie zuletzt „Future“ (2016) den ersten Platz in den deutschen Charts gebucht haben. Wir trafen den stets tiefenentspannten von Deylen, der sich in vielerlei Hinsicht von „herkömmlichen“ Popstars unterscheidet, in einem Hamburger Hotel.

Herr von Deylen, eigentlich ist man von Ihnen Konzerte auf großen Bühnen wie der Barclaycard Arena gewohnt. Warum geht es jetzt im November ins Mehr! Theater?

Christopher von Deylen: Die Idee zur „Klangwelten“-Tournee entstand unter dem Arbeitstitel „Kammer-Elektronik“: kompakte Besetzung zu dritt, rein elek­tronisch mit ein, zwei nicht elektronischen Überraschungen und in klassischen Konzerthäusern. Eigentlich wollten wir damit in die Laeiszhalle, aber da ist leider kein Surround-Sound möglich. Und als wir die Tour geplant hatten, war die Elbphilharmonie noch nicht fertig (lacht). Seitdem habe ich es da auch leider noch nicht reingeschafft, ich war nur auf der Plaza.

Mit Schlafsack? Es heißt ja, Sie hätten vor zwei Jahren Ihre Zelte in Berlin abgebrochen und würden seitdem ohne feste Adresse aus zwei Koffern und einer Technik-Kiste leben. Wo wohnen Sie gerade?

Ich lebe tatsächlich derzeit bei Freunden, Airbnb oder im Hotel und bis Ende Februar im Tourbus. Ein Vagabunden- und Nomadendasein. Und ich habe es keine Sekunde bereut, alles hinter mir zu lassen. Bis jetzt. Es war allerdings auch keine Entscheidung bis zum Lebensende, und ich bin selber überrascht, wie gut das bislang funktioniert. Die gewonnene Freiheit ist den Aufwand wert.

Aber wo lassen Sie Ihre Kunst, Ihre
Kompositionen, Ihre Entwürfe? Haben Sie immer 27 tragbare Festplatten dabei?

So ungefähr, ja. Manchmal überlege ich, Schließfächer zu mieten oder ein Hochregallager. (lacht)

Sie kommen viel herum, was hat Sie zwei Monate lang nach Kirgisistan verschlagen? Dartpfeil auf eine Weltkarte geworfen?

Schöne Idee eigentlich, das probiere ich mal. Ich habe 2000 mit meinem Vater eine Autoreise von London nach Peking gemacht, und da haben wir auch in zwei Tagen Kirgisistan passiert. Beeindruckend, aber zu kurz. Aber der Platz hat zu mir gesprochen, und letztes Jahr habe ich der Sehnsucht nachgegeben. Die Kirgisen sind ein sehr ruhiges, aber nicht langweiliges Volk, und ich hoffe, dass sich dieser Landstrich nicht zu sehr beeilt mit dem Anschluss an die Welt.

Sie waren längere Zeit in der Mojave-Wüste oder mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ in der Arktis. Sind Sie kein Menschenfreund? Machen Sie bevorzugt Urlaub in den Misanthropen, in der Einsamkeit?

Ich laufe nicht vor Menschen weg, sondern ich möchte mehr zur Natur hin. Ich habe sehr gern in Hamburg gelebt, habe mich in Berlin ausprobiert, und das Kapitel Großstadt erschien irgendwann auserzählt. Ruhe zieht mich an. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich Menschenansammlungen tatsächlich nicht vermisse. Vielleicht bin ich doch ein Gelegenheitsmisanthrop.

Welchen Einfluss haben diese Reisen denn auf Ihre Musik, wie würden Sie Kirgisistan „verschillisieren“, wie Sie es nennen?

Es wäre ein ruhiger, aber gefangen nehmender Rhythmus. Lange Akkordfolgen, dazu die Duduk, eine Kurzoboe, auch wenn die eher im Kaukasus und nicht in Zentralasien verortet ist.

Schließen sich Ihre Musik und Natur nicht aus? Elektronische Musik ist artifiziell ...

Das bestreite ich vehement! Musik ist Musik. Und jede Musik, die wir heute hören, ist zumindest in Teilen elektronisch produziert oder bearbeitet. Ich höre immer wieder den Satz: „Da drückt man doch nur auf Knöpfe, und den Rest macht der Computer.“ Aber der biologisch abbaubare Bartträger mit Karohemd und Gitarre auf der Bühne genießt schon vor seinem ersten Ton so eine Art Sockelrespekt – das irritiert mich.

Popsänger und ihr sichtbares Handwerk sind auch zugänglicher als Knöpfe drücken.

Ja, Bono von U2 muss nur eine Faust in die Luft strecken und hat das Stadion in der Tasche. Meine Kabel und Geräte sind leider nicht so sinnlich, und Zeit für Posen habe ich auch nicht. Dazu bin ich beim Spielen zu beschäftigt, und das Posieren liegt mir auch nicht unbedingt. Elektronische Musik ist, wenn man den Dance- und DJ-Bereich mal beherzt ausklammert, eher nerdig. Was mir wiederum eher zu liegen scheint. Was auch immer das bedeuten mag.(lacht)

Ingenieurskunst, beeindruckend, aber ­irgendwie auch nicht sexy.

Genau. Dabei ist der Synthesizer nur der verlängerte Arm des Künstlers. Nicht mehr und nicht weniger. Wie die Gitarre von The Edge oder die Reiseschreibmaschine von Hemingway.

Gibt es technische oder musikalische ­Grenzen, an denen Ihre Ideen scheitern?

Ja. Ständig. Es besteht ein latentes Defizit zwischen dem, was ich mir im Kopf vorstelle, und dem, was mir gelingt in Töne umzuwandeln. Die Frage ist nicht, ob es ein Defizit gibt, sondern nur, wie klein oder groß es ist.

Sie hoffen also auf schnelle Fortschritte in der Biomechanik, sodass Sie nur ein USB-Kabel an Ihr Gehirn anschließen müssten und die Ideen direkt in Töne umgewandelt würden.

Das würde ich gern mal ausprobieren. Aber das Wesen des Erschaffens ist ja das Ringen mit sich. Ein selbst gewähltes Leiden. Aus solchen Momenten entsteht Unvorhergesehenes, was mit einem USB-Anschluss am Kopf vielleicht nicht geschehen wäre.

Nach all Ihren Weltreisen: Welchen Bezug haben Sie noch nach Hamburg?

Der Grund, nach Berlin zu ziehen, war zur Hälfte, dass ich nach Berlin wollte, und zur Hälfte das Gefühl, dass Hamburg und ich nicht zusammenpassen. Das hat sich aber in den letzten Jahren sehr geändert. Ich weiß nicht, ob Hamburg sich verändert hat, aber ich habe mich verändert und bin wesentlich öfter hier als früher. Wenn ich die Nomadenphase hinter mir lassen sollte, schließe ich es nicht mehr aus, zumindest eine Weile in Hamburg sesshaft zu werden.

Das kommt jetzt überraschend.

Wenn man in einer Stadt wohnt, dann hat man sein Umfeld, seine Wege und sieht und entdeckt vieles höchstens, wenn Besuch da ist. Ich habe aber nie Besuch bekommen (lacht) und war in fünf Jahren Hamburg vielleicht zweimal am Hafen! Aber wenn man sich erst mal an der ermüdenden Berlin-Mitte-Kulissenschieberei abgearbeitet hat, ist Hamburg irgendwie ...

… kirgisischer?

… aufreizend authentischer, ja.

Schiller: „Klangwelten“ Do 9.11., 20.00, Mehr! Theater am Großmarkt (Bus 3),
Banksstraße 28, Karten ab 46,90 im
Vorverkauf; www.schillermusic.com