Hamburg

Ein Liederabend, der das Publikum gefangen nahm

Verena Fischer-Zernin

Hamburg.  Kinder, ihr braucht ein Image, lautet der gängige Imperativ des Klassikbetriebs. Seid glamourös, unterhaltet die Leute und überfordert sie bloß nicht. Doch der Countertenor ­Andreas Scholl und seine Tasten- und Lebenspartnerin Tamar Halperin verzichten im Kleinen Saal der Laeiszhalle auf alle Mätzchen und schlagen aus einem schlichten Liederabend Funken.

Ein Cembalo gewährt dem Spieler nur begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Also muss der Spieler tricksen. Lautstärke suggeriert er etwa durch dichtere oder üppig verzierte Akkorde. Und da der Ton, einmal angeschlagen, sofort verklingt, sind Cembalisten die Könige des Timings. Wenn Halperin versunken dasitzt und den rechten Moment für den ersten Basston von John Dowlands Allzeithit „Flow My Tears“ erspürt, dann hat sie die Hörer schon am Haken.

Scholl braucht einen Moment, um sich freizusingen. Ein paar Frösche muss er wegräuspern, dann strömt die Stimme. Vollkommen unangestrengt nimmt er Kontakt mit dem Publikum auf, erzählt von der Melancholie, die im England der Renaissance Mode war, und schlägt den Bogen zum großen Henry Purcell (ca. 1659–1695) in die Barockzeit und von der Todessehnsucht zu gehauchten, geflüsterten erotischen Andeutungen und von dort zu derben Trinkliedern, für die er sogar in die Baritonlage hinabsteigt.

Nach der Pause wechselt Halperin mal eben zum modernen Konzertflügel und serviert eine hinreißende Haydn-Klaviersonate. Die Genauigkeit des Cembalospiels zahlt ein auf jeden musikalischen Witz. Zwischen Folksongs, arrangiert von Benjamin Britten und von Halperin, singt Scholl ganz allein das traurige Lied „The Wife of Usher’s Well“. Nichts anderes scheint zu existieren in diesem Moment als die Künstler, das Publikum und das innige Band, das sie eint.

( vfz )